Eine tolle zweiäugige Mittelformat Kamera - die Rolleiflex mit dem Carl Zeiss Tessar 75mm f3.5

Ich hab in den Unterlagen der Anfang des Jahres erworbenen Kamerasammlung auch eine Bedienungsanleitung einer Rolleiflex gefunden, da fehlte aber die Kamera dazu. Als ich ein äußerlich gut erhaltenes Modell bei Ebay Kleinanzeigen sah, hab ich zugegriffen - ohne zu wissen, ob das Ding nun wirklich funktioniert oder nicht.

Jetzt hab ich einen Film belichtet und entwickelt, und bin happy - die Rolleiflex funktioniert tadellos, mehr noch: das Objektiv ist klasse, und trotz der leicht reduzierten Lichtstärke von 3.5 anstelle 2.8 hat sie genügend Freistellungsmöglichkeiten. Und ein schönes Bokeh!

Die Rolleiflex T

Mit der zweiäugigen Rolleiflex hat Rollei Erfolgsgeschichte geschrieben. Das Modell Rolleiflex T wurde von 1958-1976 gebaut und war die leicht abgespeckte Variante zur Toplinie mit dem 80mmm f2.8 Objektiv. Neben dem leicht lichtschwächeren Objektiv unterscheiden sich die Modellreihen auch in der Bedienung:

Die Rolleiflex T hat einen Einstellhebel, mit dem der Lichtwert eingestellt werden kann (wenn der Hebel herausgezogen wird), bzw die Kombination Verschlusszeit und Blende gemeinsam verstellt wird (bei nicht herausgezogenem Hebel). Die Rolleiflei 2.8 dagegen hat zwei getrennte Regler für Blende und Verschlusszeit, beide sind zwischen den Objektiven angebracht und können bquem mit den Zeigefingern bedient werden.

Rolleiflex T mit Gelbfilter und Sonnenblende
Rolleiflex T mit Gelbfilter und Sonnenblende
Fotografiert mit: X-T2 50.0mm (≙ 75mm Vollformat); f2.8; 1/180 sec; ISO 200

Rolleiflex mit Belichtungsmesser

Bei beiden Kameralinien gibt es Modelle mit und ohne Belichtungsmesser; meine Kamera hat einen (der sogar noch funktioniert). Der Belichtungsmesser arbeitet ohne Batterie. Oben links am Gehäuse gibt es einen Schiebeschalter. Dieser schaltet nicht den Belichtungsmesser ein, er schalten ihn zwischen zwei Intensitäten um: zeigt der Schalter den roten Punkt, so ist er für schwache Lichtverhältnisse ausgelegt.

Am Einstellknopf für die Schärfe befindet sich die Anzeige der Belichtungsmesser-Nadel, man muss den Einstellkeil mit der Nadel in Deckung bringen (Nachführsystem). Den Lichtwert liest man dann am Ablesefenster ab - es gibt allerdings zwei solche Fenster: eines oben für normale Lichtverhältnisse, eines darunter mit rotem Rahmen für schwache Lichtverhältnisse. Der untere mit dem roten Rahmen muss verwendet werden, wenn der Schiebeschalten am Belichtungsmesser auf dem roten Punkt steht. An einem der beiden Fenster also liest man den Lichtwert ab und überträgt in an das Objektiv.

Es gibt einen kleinen Diffusor, den man vor den Belichtungsmesser klemmen kann. Mit diesem Diffusor kann man mit der Kamera auch eine Lichtmessung machen, hierbei wird das Licht gemessen, das auf das Objekt fällt, und nicht das Licht, was vom Objekt reflektiert wird (Objektmessung).

Rolleiflex T - Belichtungsmessung
Rolleiflex T - Belichtungsmessung
Fotografiert mit: X-T2 50.0mm (≙ 75mm Vollformat); f9; 1/150 sec; ISO 800

Filmwechsel bei der Rolleiflex T

Zum Filmwechsel wird die Rückwand nach oben geklappt. Die Rolle mit dem neuen Film sitzt unten, die leere Rolle oben. Nicht wundern: im oberen Filmfach liegt eine Spindel schräg. Das ist normal, die Spindel fühlt damit den Umfang der Filmrolle und kann den Filmtransport bzw. das Bildzählwerk korrekt messen. Warum ist das nötig? Je mehr Film auf der Rolle ist, umso größer ist der Umfang. Ergo wird mit jeder Rotation der Rolle dann mehr Film transportiert. Die Spindel sorgt dafür, dass der Abstand zwischen den Bildern nicht zu groß wird.

Nach dem Einegen des Films muss man bei noch geöffneter Kamerarückwand so lange kurbeln, bis der Pfeil auf dem Film auf den roten Markierungspunkten sitzt. Dann das Gehäuse schließen und so lange kurbeln bis es nicht weiter geht. Nun kann es losgehen. Das Bildzählwerk zeigt die verbrauchten Fotos an, nach dem 12.ten Bild hat die Kurbel keinen Widerstand, nun kann man so lange kurbeln bis der Film vollends auf der oberen Rolle aufgewickelt ist.

Rolleiflex T - Filmwechsel
Rolleiflex T - Filmwechsel
Fotografiert mit: X-T2 50.0mm (≙ 75mm Vollformat); f8; 1/250 sec; ISO 2500

Handling

Die Kamera ist handlich, aber mit knapp 1 kg nicht leicht. Aber längst nicht so schwer wie die Mamiya C3 Professional.

Der Sucher ist prima (er ist übrigens wechselbar) und hat sogar einen Parallaxenausgleich - wird auf nahe Objekte fokussiert, schiebt sich von oben ein schwarzer Balken ins Bild. Der Faltlichtschacht schattet ganz gut das Außenlicht ab, kann aber nicht wirklich das Einstrahlen komplett verhindern. Die Sucherlupe hilft ungemein beim Scharfstellen, ebenso wie der Schnittkeil auf der Mattscheibe.

Der Sucher lässt sich zudem - wie häufig bei Lichtschachtsuchern - als Sportsucher nutzen: Man klappt die Frontseite des Lichtschachtes wieder ein und schaut von hinten durch ein kleines Sucherloch. Scharfstellen muss man natürlich vorher auf der Mattscheibe, oder die Entfernung schätzen.

Das Objektiv

Die Aufnahmen haben mich positiv überrascht. Es ist scharf, wenn richtig scharf gestellt wurde (was mir nicht immer gelang), und liefert ein schönes Bokeh. Ein klassisches Objektiv. Das Einstellobjektiv hat übrigens die Lichtstärke 2.8 und eignet sich dadurch besonders gut zum Scharfstellen.

Die Rolleiflex hat übrigens kein Filtergewinde, sondern das Rollei Bajonett. Sie hat sogar zwei Bajonette: Ein Innenbajonett für den Filter, ein Außenbajonett für die Sonnenblende. Mit dem Bajonett ist das Anbringen von Filtern und Sonnenblende besonders einfach, allerdings sind die passenden Filter nicht leicht erhältlich.

Gelbfilter Lichtwertkorrektur

Ich hab einen Gelbfilter mit Sonnenblende in einer hübschen kleinen braunen Schatulle. Der Gelbfilter ist bei Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Landschaften empfehlenswert, da er den Himmel sanft abdunkelt. Der Gelbfilter schluckt etwa einen Lichtwert; um das zu kompensieren hab ich den Belichtungsmesser einfach auf den halbe ISO Wert gestellt. Bei meinem Ilford FP4+ mit standardmäßig 125 ISO also auf 64 ISO.

Mittelformatlook

Einen Mittelformatlook gibt es ja nicht wirklich, aber bei Kameras mit Lichtschacht-Sucher hält man die Kamera niedriger als bei Kameras, die direkt vor dem Auge sitzen. Hierdurch wird eine spezielle Perspektive eingenommen, die einen eigenen Look erzeugt. Vielleicht ist es auch diese besondere Perspektive, die mit zu dem Mythos Mittelformatlook beiträgt.

Ich weiß noch, wie ich als Dreikäsehoch mit meinen ersten Fotos einer einfachen Sucherkamera meine Verwandtschaft beeindruckte, bis dann irgendein gemeiner Mensch meine Fotokunst entzauberte und sagte, das liege nur daran, dass ich Knirps nicht über den Bauchnabel der Erwachsenen hinausrage und deswegen diese Fotos halt anders wirken…

Beispielfotos

Die folgenden Fotos sind bei Annenwalde in der kleinen Schorfheide entstanden; fotografiert mit der Rolleiflex T auf Ilford FP4+.

Die Entwicklung erfolgte im Patterson Tank mit Rodinal bei 20°; Verdünnung 1+50; 15 Minuten Entwicklungszeit mit sanfter Rotation alle 1-2 Minuten. Ich hab den Film vorgewässert; als nach 5 Minuten eine schwarze Brühe im Ausguss landete, dachte ich schon, dass ich es versaut hab. Zum Glück hab ich mich geirrt; allerdings ist das Korn - vermutlich bedingt durch den Rodinal Entwickler - ziemlich grobkörnig.

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Neugierige Rindviecher
Neugierige Rindviecher
Fotografiert mit: Perfection V800/V850

Weidezaun in Annenwalde
Weidezaun in Annenwalde
Fotografiert mit: Perfection V800/V850

Alte Schubkarre in Annenwalde: Rolleiflex T
Alte Schubkarre in Annenwalde: Rolleiflex T
Fotografiert mit: Perfection V800/V850

Sonnenblumen knackscharf: Rolleiflex T mit Gelbfilter
Sonnenblumen knackscharf: Rolleiflex T mit Gelbfilter
Fotografiert mit: Perfection V800/V850

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