Das kleine Großformat: die Linhof Technika 6x9. Erste Schritte im System Linhof.

Überraschung: das deutsche Kamera-Unternehmen Linhof ist laut Wikipedia der älteste noch produzierende Kamerahersteller der Welt! Während die Traditionsmarken Voigtländer und Rollei insolvent gingen, hat es Linhof - wie auch Leica - geschafft, mit einem kleinen, aber feinen Sortiment von Spezialkameras am Leben zu bleiben.

Linhof stellt Fachkameras (auch Laufboden oder Balgenkameras genannt) her, die sich durch maximale Einstellmöglichkeiten auszeichnen. Während bei bei normalen Kameras Objektiv und Filmebene stets parallel und auf einer Achse liegen, können bei den Linhof Kameras Filmbühne und Objektiv unabhängig voneinander ausgerichtet werden (Tilt & Shift). Diese Verstelloptionen ermöglichen es, Perspektivenkorrekturen (Shift) durchzuführen, und die Schärfeebene zu verlagern (Tilt).

Scharfgestellt wird mit Hilfe einer Mattscheibe, und zum Fotografieren wird die Mattscheibe durch das Film-Rückteil ersetzt - das ist Entschleunigungsfotografie im Super-SloMo Modus.

Die Konstruktion einer Linhof Technika ist hierbei seit den 40er/50er Jahren nahezu unverändert gleichgeblieben: Objektiv und Filmbühne sind per Balgen verbunden; das Objektiv wird für die Scharfstellung auf einer Schiene vor- und zurück bewegt und kann zusätzlich gekippt und verschoben werden (Tilt/Shift). Auch das Rückteil selber kann zusätzlich noch angewinkelt werden.

Die klassischen Linhof Kameras sind für das Großformat konstruiert (9 x 12 cm und größer). Für diese großen Kameras wurden auch Filmrückteile für den Rollfilm angeboten, die natürlich nur einen Ausschnitt abbilden (crop). Und es wurden auch kleinere Linhofs konstruiert, die speziell für das 6x9 Format optimiert sind.

Klein aber fein: Linhof 6x9 mit zwei Objektiven
Klein aber fein: Linhof 6x9 mit zwei Objektiven
Fotografiert mit: X-T2 35.0mm (≙ 53mm Vollformat); f11; 1/110 sec; ISO 1600

Die Linhof Technika 6x9

Eine solche Kamera halte ich nun in den Händen. Verwendet wurde sie vom “Schieferpapst” Franz Wierschem, der mit ihr Dachkonstruktionen fotografierte, um die Bilder dann in seinen Gutachten und Vorträgen zu verwenden. Im Vergleich zu einer ausgewachsenen Linhof Technika ist die 6x9 deutlich kleiner und handlicher, besitzt aber (fast) alle Verstellmöglichketen der großen Schwester:

  • Scharfstellung per Balgen / Laufboden
  • anwinkelbare Filmbühne
  • Die Objektivstandarte ist
    • höhenverstellbare
    • nach hinten neigbar

Im Gegensatz zur großen Linhof fehlt also die Möglichkeit, die Standarte seitlich zu verschieben und zu drehen.

Linhof Technika 6x9 Objektive

Ausgestattet ist meine Linhof mit zwei Objektiven:

  • Rodenstock f 1:3,4; 90 mm
  • Schneider Kreuznach Super Angulon f 1:8; 47 mm

Das 6x9 Bildformat hat einen Crop von 1:2,37 im Vergleich zum Kleinbild; d.h. die Brennweiten und Zerstreuungskreise entsprechen ungefähr:

  • Rodenstock 1:3,4 90 mm -> Kleinbild: 1:1,4 38mm
  • Schneider-Kreuznach 1:8 47mm -> Kleinbild: 3,4 20mm

Mit den beiden Linsen bewegen wir uns also im leichten Weitwinkel (Rodenstock) und Superweitwinkelbereich (Schneider-Kreuznach).

Ausklappen der Kamera

Um die Kamera auseinanderzufalten sind ein paar Schritte in der richtigen Reihenfolge durchzuführen.

Im Transportzustand sitzt das Objektiv in Parkposition auf festen Schienen im Kamerakörper. Zur Benutzung muss das Objektiv auf das vordere Schienensystem geschoben werden.

Hierzu ist zunächst das vordere Schienensystem komplett bin zum hinteren Schienensystem zurückzusetzen; mit einem kleinen seitlichen Entsperrhebel geht das ganz einfach.

Unter dem Objektiv sind zwei kleine Griffe; wenn man diese zusammendrückt ist das Objektiv beweglich und kann auf das vordere System gezogen werden. Das vordere Schienensystem hat einen Einrastpunkt, auf dem wir es positionieren.

Nun muss noch das vordere Schinensystem wieder aus dem Gehäuse herausgezogen werden; dazu erneut den kleinen seitlichen Entsperrhebel drücken.

Die Kamera ist nun startklar; das Objektiv kann mit den Fokusrädern auf dem Schinensystem vor- und zurückbewegt werden.

Linhof 6x9, Objektiv in Parkposition auf hinterer Schiene
Linhof 6x9, Objektiv in Parkposition auf hinterer Schiene
Fotografiert mit: X-T2 35.0mm (≙ 53mm Vollformat); f7.1; 1/70 sec; ISO 2000

Linhof 6x9 zusammengeklappt
Linhof 6x9 zusammengeklappt
Fotografiert mit: X-T2 35.0mm (≙ 53mm Vollformat); f8; 1/30 sec; ISO 200

Linhof 6x9 aufgeklappt
Linhof 6x9 aufgeklappt
Fotografiert mit: X-T2 35.0mm (≙ 53mm Vollformat); f8; 1/30 sec; ISO 200

Linhof 6x9 Objektiv hochgestellt / shift
Linhof 6x9 Objektiv hochgestellt / shift
Fotografiert mit: X-T2 35.0mm (≙ 53mm Vollformat); f11; 1/12 sec; ISO 200

Herausforderung Superweitwinkel

Bei den Superweitwinkelobjektiven wie dem Super Angulon hat man das Problem, dass das Objektiv sehr sehr nahe an der Mattscheibe/der Filmbühne sitzt, es verschwindet quasi im Gehäuse und muss auf den Schienen im Kamerakasten Platz nehmen. Das Fokussieren des Objektivs funktioniert aber nur auf der vorderen Schiene, nicht auf der Schiene in der Kamera.

Aus diesem Grund hat das Super Angulon einen eigenen Schneckengang (“Helicoid”), so dass man - vorausgesetzt man hat schon gut vorfokussiert - dann bequem per Schneckengang feinjustieren muss. Sitzt die Scharfstellung richtig, kann man die Position des Schneckenganges mit der kleinen Rändelschraube am Objektiv feststellen. Die Position ist dann fixiert und verstellt sich nicht, wenn man am Objektiv Blende und Zeit einstellt.

Schneider-Kreuznach 1:8 47mm mit Schneckengang / Helicoid
Schneider-Kreuznach 1:8 47mm mit Schneckengang / Helicoid
Fotografiert mit: X-T2 35.0mm (≙ 53mm Vollformat); f8; 1/70 sec; ISO 800

Fotografieren mit einer Linhof 6x9 Technika

Beim Fotografieren wird die Kamera zunächst ausgerichtet und das Bild auf der Mattscheibe kontrolliert; es erscheint seiten- und spiegelverkehrt. Für die Mattscheibenbetrachtung hilft ein Tuch, dass man über Kopf- und Kamera (aber nicht Objektiv) legt, ungemein. Solche Tücher haben Gewichte im Saum eingenäht, damit sie nicht bei Wind flattern. Auch eine Lupe ist sehr zu empfehlen!

Um überhaupt ein Bild auf der Mattscheibe zu sehen, muss der Verschluss des Objektivs geöffnet werden. Manche Objektive haben hierzu eine “T” Einstellung auf dem Verschlusszeitenrad; dass ist ziemlich praktisch, man öffnet und schließt den Verschluss mit dem Auslösehebel und muss nicht zwischendurch den Verschluss spannen.
Meine beiden Objektive haben diese Einstellung nicht. Also muss ich auf “B” stellen, mit einem Drahtauslöser auslösen und in gedrückter Position den Drahtauslöser feststellen.

Offenblende ist logischerweise zum Scharfstellen angeraten.

Linhof 6x9 Mattscheibenrückteil, zugefaltet
Linhof 6x9 Mattscheibenrückteil, zugefaltet
Fotografiert mit: X-T2 35.0mm (≙ 53mm Vollformat); f11; 1/12 sec; ISO 200

Linhof 6x9 Mattscheibenrückteil, Faltlichtschaft aufgefaltet
Linhof 6x9 Mattscheibenrückteil, Faltlichtschaft aufgefaltet
Fotografiert mit: X-T2 35.0mm (≙ 53mm Vollformat); f11; 1/12 sec; ISO 200

Linhof 6x9, Mattscheibenansicht
Linhof 6x9, Mattscheibenansicht
Fotografiert mit: X-T2 35.0mm (≙ 53mm Vollformat); f2.8; 1/400 sec; ISO 200

Um das Bild nun auf den Film zu bannen, wird das Mattscheibenrückteil gegen das Filmrückteil getauscht.

Zunächst wird der Verschluss wieder geschlossen, dazu müssen wir die Drahtauslöser-Feststellschraube wieder lösen.

Danach wird das Mattscheibenrückteil um 45 Grad gedreht - hierbei kommen kleine Schieber an den Ecken zum Vorschein. Diese werden nun nach außen geschoben, und das Rückteil kann abgenommen werden. (Vorsicht hierbei beim Lösen der Schieber; das Rückteil muss festgehalten werden, sonst fällt es herunter).

Linhof 6x9 Rückteil gedreht, Arretierschieber an den Ecken werden sichtbar
Linhof 6x9 Rückteil gedreht, Arretierschieber an den Ecken werden sichtbar
Fotografiert mit: X-T2 35.0mm (≙ 53mm Vollformat); f11; 1/12 sec; ISO 200

Auf die gleiche Weise wird das Filmrückteil Rollex angesetzt; die Schieber werden wieder eingedrückt und das Rückteil in die richtige Position gebracht (Hoch- oder Querformat, je nachdem, wie das Mattscheibenrückteil positioniert war).

Nun am Objektiv Verschluss und Blende einstellen, den Lichtschutzschieber aus dem Rollex Magazin entfernen und die Aufnahme kann gemacht werden.

Und danach: Filmtransport nicht vergessen! Am besten gewöhnt man sich gleich an, nach der Aufnahme den Film weiter zu transportieren, d.h. das Rückteil ist immer schussbereit.

Linhof 6x9, Rückteil abgenommen
Linhof 6x9, Rückteil abgenommen
Fotografiert mit: X-T2 35.0mm (≙ 53mm Vollformat); f14; 1/60 sec; ISO 1600

Rollex 6x9 Rückteil

Das Rollex Rückteil nimmt den Rollfilm auf und hat ein Drehrad, mit dem der Film weitertransportiert wird; das Drehrad blockiert automatisch bei der nächsten Bildposition. Um dann nach der nächsten Aufnahme wieder weiter transportieren zu können, muss man einen kleinen Entriegelungsschieber betätigen. Es gibt ein kleines Bildzählfenster, dort wird die aktuelle Bildnummer angezeigt. Auf einen Rollfilm passen 8 Bilder; nach dem letzten Bild blockiert das Drehrad nicht mehr, und man dreht so lange, bis der Film komplett auf der Spule aufgewickelt ist.

Bei einem meiner Rollex Rückteile funktioniert die automatische Transportblockade nicht; hier kann man sich behelfen, indem man auf das Bildzählfenster achtet und genau dann aufhört zu drehen, wenn die nächste Bildnummer mittig im Bildzählfenster sitzt.

Linhof Rollex 6x9 Rückteil für Rollfilm, Einsatz entnommen
Linhof Rollex 6x9 Rückteil für Rollfilm, Einsatz entnommen
Fotografiert mit: X-T2 35.0mm (≙ 53mm Vollformat); f13; 1/30 sec; ISO 640

Problem überlappende Bilder

Die Rollfilme heutzutage sind dünner als die Filme früher. Das führt dazu, dass der Umfang der Filmspule und damit auch die Menge des transportierten Films anders ist: Mit den heutigen Filmen wird pro Umdrehung einfach weniger Film transportiert, sodass sich aufeinanderfolgende Bilder überlappen können.

Man kann sich dadurch behelfen, dass man die Filmspule, die den fertigen Film aufnimmt, einfach mit etwas Material unklebt und ihm damit einen größeren Umfang verpasst.

Es gibt verschiedene Rollex Rückteile. Die einfachen, die ich hier auch beschrieben habe, haben einen Drehknauf für den Filmtransport. Die neuen Super Rollex haben einen Hebel.

Basisausstattung für Linhof 6x9

Für ein 6x9 Linhof Vergnügen benötigt man folgende Zutaten:

  • Natürlich eine Linhof 6x9 Kamera mit Mattscheibenrückteil, Rollex Rückteil und Objektiv(en).
  • Ein (sehr) stabiles Stativ. Beim Wechsel der Rückteile muss man schon etwas an der Kamera ruckeln - diese sollte sich dabei aber nicht aus der Position bewegen.
  • Eine Lupe zur Prüfung der Scharfstellung auf der Mattscheibe. Ich hab eine (gute) Nikon Dialupe, damit geht das wunderbar.
  • Ein Dunkeltuch, das man bei grellem Umgebungslicht über Kopf und Kamera wirft und das dadurch die Schärfekontrolle auf der Mattscheibe deutlich erleichtert.
  • Ein Handbelichtungsmesser. Letzlich tut es auch eine App, das macht aber nicht so viel Spaß. Ich hab seit 20 Jahren einen Gossen Sixtomat und bin sehr zufrieden damit.
  • Nicht notwendig, aber hilfreich: Vorsatzfilter und Filterhalter. Ein Schraubfilter ist umständlich, statt dessen gibt es Gegenlichtblenden mit einem kleinen Schacht für Filter.

Ich hab vom Vorbesitzer eine handliche kleine Tasche bekommen, wo bis auf das Stativ alles prima reinpasst. Ein handliches, aber schweres Päckchen.

Linhof 6x9, abgesenkter Laufboden und angewinkeltes Rückteil
Linhof 6x9, abgesenkter Laufboden und angewinkeltes Rückteil
Fotografiert mit: X-T2 35.0mm (≙ 53mm Vollformat); f8; 1/80 sec; ISO 2000

Erfahrungen mit der Linhof 6x9

Zeit für einen Test!

Prüfen wollte ich zunächst, ob die Kamera lichtdicht ist und das Objektiv funktioniert. Außerdem wollte ich mal mit der Verlagerung der Schärfenebene rumspielen, also hab ich bei (fast) allen Bildern die Objektivstandarte und die Filmbühne angewinkelt.

Ich hatte die Kamera bei unserer Seminarwoche in Schmuggerow mit dabei, hab ein paar Fotos gemacht aber leider keine richtige Muße gehabt. Prompt hab ich vergessen den Film weiter zu transportieren, und eine Doppelbelichtung produziert.

Heute bin ich dann zur Heilandskirche nach Sacrow in der Nähe von Potsdam gefahren.

Die gute Nachricht: Die Kamera funktioniert soweit und ist lichtdicht; die schlechte Nachricht - ich werde noch einiges üben müssen, bis ich mit den Verlagerungen der Schärfeebenen die Bilder produziere, die ich sehen möchte. Momentan ist es viel zu viel des Guten; sie sehen mir zu sehr nach einem Digitalfilter aus. Ich hatte befürchtet, dass der Effekt relativ schwach ist - weit gefehlt. Übung macht den Meister…

Linhof 6x9, 90mm, verlagerte Schärfebene, Schloss Schmuggerow
Linhof 6x9, 90mm, verlagerte Schärfebene, Schloss Schmuggerow
Fotografiert mit: Perfection V800/V850

Beim zweiten Bild wollte ich die perspektivische Verzerrung korrigieren, das hat ganz gut geklappt.

Linhof 6x9, 90mm, perspektivische Entzerrung, Sacrow Heilandskirche
Linhof 6x9, 90mm, perspektivische Entzerrung, Sacrow Heilandskirche
Fotografiert mit: Perfection V800/V850

Keine Frage, diese Kamera richtig zu bedienen fordert Zeit ein, und bis ich mit den Tilt- und Shiftverfahren die Ergebnisse zu bekomme, die ich im Kopf hab, werden noch ein paar Rollen Film belichtet werden. Aber das Fotografieren mit ihr macht Spaß. Die Linhof Kameras sind wertig und präzise gebaut, und es ist schon fantastisch, dass ein solches Präzisionsinstrument nach 70 Jahren immer noch gut funktioniert.

Eine Kamera, bei der man das Bild direkt auf der Mattscheibe ohne Spiegel sieht und komponiert, um dann die Mattscheibe durch ein Filmrückteil auszuwechseln und das Bild zu machen - das ist zeitaufreibend und umständlich, aber macht einfach Freude.

Alternative Fuji GW690, Plaubel Makina

Kameras im 6x9 Filmformat wurden früher haufenweise produziert, allerdings zumeist als einfachste Boxkameras (Agfa Box) oder als Klappkamera (Voigtländer Bessa). Diese Kameras haben eine simple Blenden- und Verschlusstechnik und die Linsen sind einfache Konstruktionen.

Spiegelreflexkameras für das 6x9 Format gab und gibt es meines Wissens nach keine (was müsste das für ein Riesenspiegel sein!), aber es wurden Messsucherkameras wie die Fuji GSW 690 produziert. Die Fuji hatte mir nicht so gefallen - der Messsucher ist kein Ersatz für eine Mattscheibe, und mit der Scharfstellung hatte ich auf Probleme. Und nicht zuletzt: auch die Fuji 690 ist groß und schwer. Wenn man dann noch ein Stativ mitnimmt, kann man auch gleich eine Fachkamera einpacken…

Eine interessante Alternative wäre eine Plaubel Makina, de ich aber noch nicht in den Händen hatte. Die Plaubel Makinas haben wie die Fuji einen Entfernungsmesser (Messsucher), können aber durch den Einsatz eines Balgens zusammengefaltet werden. Allerdings sind die Plaubels auch ziemlich teuer…

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