Huch, da ist ja noch ein Film drin! Dann wollen wir mal sehen was drauf ist...

Vor ein paar Wochen habe ich jemanden einen Karton alter Kameras abgekauft - 20 Kameras für 30 € - nicht wissend, was sich darin befindet. Ein Überraschungspaket also, ein Omelette Surprise für Kamera-Nerds.

Bringe ich gerade für jemanden den Müll raus? Hab ich nicht schon genug Krempel im Keller? - diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich die Packtaschen meines Fahrrades mit Kameras voll lud und mich ob der schweren Fracht eiernd auf den Weg machte. Die Freude umso größer, als ich in der Kiste dann ein paar interessante Kameras fand.

In zwei Kameras befand sich auch noch ein Film, und ich wollte natürlich sehen, was sich auf den Bildern befindet.

Ein Moment vor langer Zeit

Die Filmentwicklung war ein Glücksspiel - mehr dazu weiter unten - aber auf einem Film sind zwei Bilder etwas geworden.

Fotografiert mit: Perfection V800/V850

Fotografiert mit: Perfection V800/V850

Es ist berührend, nun ein verspäteter Zeuge dieses Geschehens zu sein. 50-60 Jahre lagerte der Film in der Kamera wie in einer Zeitkapsel, und ich durfte die Erlebnisse im wahrsten Sinne des Wortes ans Licht bringen.

Es ist doch genau das, was Fotografie ausmacht - einen Moment festhalten, der besonders ist, der Bedeutung hat. Doch Bedeutung wird von Akteuren und Beobachtern erschaffen, aber die originären Mitwirkenden fehlen hier. So obliegt es mir als verspätetem Gast den Sinn dieses Momentes zu erahnen, oder mir auszudenken und mit meinen Erinnerungen zu mischen.

Ich habe den Kameraverkäufer kontaktiert und ihm die Fotos gezeigt, doch er kennt das abgebildete Kind nicht. Sein Vater hatte die Kamera wohl schon mit Film erworben, und nicht weiter verwendet. Und so stimmt es mich auch wehmütig, dass der Fotograf wahrscheinlich nicht mehr lebt, und das die Person, die vor vielen Jahrzehnten einmal das lachende Kind war, dieses Foto wohl auch nicht zu Gesicht bekommt - es sei denn, sie stolpert zufällig über meinen Blog und die Wege kreuzen sich erneut - wer weiß.

Entwicklungszeiten für alte Filme

Nun zur Entwicklung der Filme.

Ilford HP4

In der KW Pilot Super befand sich ein Ilford HP4. Es ist nicht wirklich einfach, Informationen über solche alten Filme zu bekommen. Google bevorzugt offensichtlich, Shoppingempfehlungen für neue Produkte (HP5) auszuspielen.

Laut der englischen Wikipedia kam der Ilford HP4 1965 auf den Markt und wurde 1976 vom HP5 abgelöst, wobei die filmempfindliche Emulsion wohl dieselbe geblieben ist.

Ich habe nur den Rodinal Filmentwickler und einige Erfahrung mit der Entwicklung des Nachfolgefilms Ilford HP5+. Ein HP5+ aus heutiger Zeit sollte etwa 11 Minuten entwickelt werden, ich habe ihm etwas mehr spendiert, da die Emulsion sicherlich an Empfindlichkeit eingebüßt hat.

Das Prozedere im Einzelnen:

  • Vorwässern
  • Mischung 1:50 (also 12ml Rodinal auf 600ml Wasser)
  • 15 Minuten bei 20°, nur einmal Kippen
  • und dann natürlich Wässern und Fixieren.

Das Ergebnis war nahezu unbrauchbar, ein fast transparenter Film mit nur wenig Zeichnung. Mein Scanner hat es aber geschafft, aus den Negativen obige Fotos in einer einigermaßen ansehnlichen Form herauszuholen.

127er Film im Format 4x4

In der Leidolf Kamera habe ich eine Metallspule mit einem 4x4 Film vom Typ 127 gefunden. Dieser Rollfilm wurde 1912 auf den Markt gebracht in einfachen Kameras bis in die 50er und 60er Jahre verwendet. Die Leidolf Leidox Kamera ist eine solche eher einfache Kamera aus dem jahr 1949, hergestellt in Wetzlar, wo auch die Leica Kameras herstammen.

Diesem Film habe ich deutlich mehr Entwicklungszeit gegönnt - 25 Minuten. Die Durchzeichnung ist in Ordnung, allerdings sind keine richtigen Motive erkennbar. Die Kamera hat keinen Schutz vor Doppelbelichtung (Die Super Pilot auch nicht), aber diese Kamera wurde offenbar nicht sachgemäß verwendet. Bei einem Foto ist ein unscharfes Cockpit eines Autos aus den 50ern zu erkennen. Es ist das erste Foto des Films, vielleicht hat der Fotograf/die Fotografin die Kamera gerade mit einem Film geladen, und dann nicht weiter verwendet.

Empfehlung: Entwicklungszeit für 2 Stufen Lichtverlust berechnen

Bevor ich das Entwicklungsexperiment durchführte, hatte ich in einer Foto-Gruppe bei Facebook um Rat gefragt. Die Antworten waren recht unterschiedlich:

  • “am besten gar nicht”
  • “60min 1+100 Standentwicklung. Die erste Minute dauern kippen, dann nach 30min 3mal kippen und weiter 30 min stehen lassen.”
  • “Der hp4 ist ein empfindlicher Film ich hätte noch keinen, der Jahre nach Ablauf noch vernünftige Ergebnisse gebracht hat. Empfehlung Caffenol mit Standentwicklung.”
  • “Einfach entwickeln wie alle hp4 filme”

Ich würde bei dem nächsten alten Film - sofern ich einen finde - auf mindestens die doppelte Entwicklungszeit gehen; also bei eine hochempfindlichen Film wie dem HP auf 20-25 Minuten. Dabei dann sparsam - nur einmal - rotieren oder kippen. 24 Minuten wären übrigens die korrekte Entwicklungszeit für 1:50 bei einer Entwicklung auf 1600 ASA - das entspricht einem Lichtverlust von 2 Lichtwerten/Blendenstufen durch den Alterungsprozess (bei einer Ausgangsempfindlichkeit von 400). Ohne die chemischen Hintergründe dafür zu kennen, erscheint mir das plausibel.

KW Super Pilot und Leidolf Leidox

KW Pilot Super und Leidolf Leidox
KW Pilot Super und Leidolf Leidox
Fotografiert mit: X-T2 50.0mm (≙ 75mm Vollformat); f7.1; 1/80 sec; ISO 800

Ein paar Worte zu den Kameras:

Die Leidolf Leidox ist eine einfache Kamera. Der Hersteller Leidolf aus Wetzlar baute preiswerte Kameras unterschiedlicher Qualität, die in den 60ern über Foto-Quelle vertrieben wurden. Woran nichts Verwerfliches ist, solange man Leidolf nicht mit der Kameramarke Leica vergleicht, die bekannterweise ebenfalls aus Wetzlar stammt.

Die Leidox war wohl eine der ersten Kameras von Leidolf, die nachfolgenden Modelle waren durchaus ausgereifter und hochwertiger. Interessant ist der 4x4 Film (Filmtyp 127), der zur Produktionszeit der Kamera eigentlich schon vom Kleinbildfilm abgelöst war. Aber eine Kamera für Rollfilm zu bauen ist halt sehr einfach, da man nicht einmal eine Transportkontrolle für den Film integrieren muss - ein Guckloch auf der Rückseite zeigt die Bildnummer an, die sich auf der lichtunempfindlichen Rückseite des Films befindet. Der Anwender dreht einfach solange, bis die nächste Zahl im Fenster erscheint.

Man möchte meinen, dass die 4x4 Filme vom Typ 127 längst ausgestorben ist, aber tatsächlich werden diese für Liebhaber wieder produziert - erwerbbar bei Foto-Impex für viel Geld.

Die KW Pilot Super ist dagegen eine interessante Kamera. Sie wurde 1939 hergestellt und ist eine würfelförmige einäugige Spiegelreflex für das 6x6 Mittelformat mit Wechselobjektiv - also quasi ein Vorläufer der Hasselblad. Auf der Rückseite befindet sich ein Aufkleber des Fotohauses “Photo-Schröder Bonn”. Irgendwie hat die Kamera dann den Weg vom Rhein nach Berlin-Pankow gefunden, zu dem Sammler, von dessen Sohn ich die KW Pilot Super, die Leidox und andere Kameras erwarb.

Auch die Pilot Super hat keine Transportkontrolle für den Film, sondern überlässt die Kontrolle dem Benutzer durch ein Guckloch auf der Rückseite, denn auch die Pilot Super verwendet Rollfilme, allerdings die “richtigen” im Format 6x6 (Filmtyp 120).

Der Hersteller der Kamera “KW - Kamera Werkstätten” - war ein bedeutender und innovativer Hersteller aus Dresden mit bewegter Geschichte. 1945 wurde der Betrieb enteignet und der Sohn des Inhabers John Noble in ein sibirisches Gulag verschleppt. KW ging dann im VEB Pentacon auf. John Noble versuchte nach der Wiedervereinigung die Markenrechte an den Praktica Kameras wiederzuerlangen, jedoch ohne Erfolg.

Weitere Beiträge zum Thema