Wandern im Bärenland
Mit klatschenden Händen gegen die Bärenangst, am Flussbett des Wisłok und ein Verdauungsständchen für einen Pfadfinder.
Den Tag nach unserer Autotour vertrödeln wir an der Hütte, schauen auf die bewaldeten Hügel, und ich schreibe an den Reiseberichten.
Am folgenden Tag wollen wir dann doch einmal in den Wald – allen Bärenwarnungen zum Trotz. Ich recherchiere eine Route, die – so behauptet es zumindest Komoot – auf offiziellen Wanderwegen hinunter ins Tal des Wisłok führt. Von dort soll es über eine wenig befahrene Straße zurück nach Puławy gehen. Ein Rundkurs von etwa 14 Kilometern also.
Direkt an unserer Hütte verläuft ein Wanderweg, der zum verschwundenen lemkischen Dorf Darów führt. Der Pfad ist schmal, dennoch entdecken wir gleich zu Beginn frische Quadspuren. Etwa eine halbe Stunde geht es stetig bergauf. Oben auf dem Höhenrücken des Dział teilt sich der Weg, wir verlassen die ausgewiesene Route nach Darów und orientieren uns nur noch nach Komoot.
Die vielen Warnungen vor Braunbären haben mich inzwischen aufmerksam gemacht. Ich halte mich an den Rat der Förster und klatsche immer wieder einmal in die Hände. So kann ein möglicherweise in der Nähe befindliches Tier unsere Anwesenheit bemerken und sich rechtzeitig zurückziehen.
Der Weg führt durch einen wunderschönen Buchenwald. Wir befinden uns am Rand des Naturschutzgebietes Bukowica, das für seine alten Buchen- und Tannenbestände bekannt ist. Mächtige, kerzengerade Stämme ragen in den Himmel, dazwischen stehen vereinzelt Weißtannen und andere Laubbäume. Der Wald wirkt ursprünglich und beinahe urwaldartig. Auf dem Gipfel des Dział rauschte noch der Wind in den Baumkronen, jetzt ist es ganz leise. Irgendwo knackt mal ein Ast, oder der Schrei eines Vogels warnt vor uns Eindringlingen.
Es geht nun stetig bergab. Manchmal ist der Pfad rutschig, sodass wir unsere Wanderstöcke zur Hilfe nehmen. Schließlich lichtet sich der Wald. Wir wandern an kleinen Lichtungen und dichtem Gehölz vorbei hinunter.
Vor uns öffnet sich ein enger Talkessel. Eine große Scheune und ein Nebengebäude liegen einsam zwischen den bewaldeten Berghängen, durch deren Mitte sich der Wisłok schlängelt. Am Fluss breitet sich eine Wiese aus, auf der Pferde grasen – eine verwunschene Idylle, ein geheimer Winkel in den Karpaten.
Hier lag einst das lemkische Dorf Wernejówka, von dem heute kaum noch Spuren erhalten sind. Wie viele andere Siedlungen in den Niederen Beskiden wurde auch Wernejówka nach dem Zweiten Weltkrieg aufgegeben. Seine Bewohner mussten ihre Heimat verlassen – ein Teil wurde in die Sowjetunion umgesiedelt, die übrigen im Rahmen der Aktion Weichsel in andere Landesteile Polens zwangsumgesiedelt.
Ein alter Weg verläuft zwischen dem Wisłok und der Wiese. Die wilden Blumen am Wegesrand scheinen keiner Pflege zu bedürfen. Sie wachsen zu regelrechten Büschen heran, als hätte ein Landschaftsmaler hier seine florale Phase ausgelebt.
Die aus der Ferne entdeckte Furt entpuppt sich jedoch als Fata Morgana. Hinüber kämen wir zwar irgendwie, der Wisłok führt nicht viel Wasser und das Flussbett ist fest und steinig, aber Schuhe und Hosen wären nass. Macht nichts – laut Komoot und Mapy befindet sich auch auf unserer Flussseite ein Weg, der geologische Lehrpfad „Ścieżka geologiczna Wzdłuż Wisłoka“.
Ehrlich gesagt bin ich ganz froh, den einsamen Waldabschnitt hinter mir zu haben, wo ich hinter jedem Baumstamm einen Bären vermutete. In der Nähe einer Straße und einiger Häuser fühle ich mich deutlich wohler.
Doch ausgerechnet jetzt beginnt das unangenehmste Stück der gesamten Wanderung. Zunächst führt der Weg am Flussufer über einen breit aufgewühlten Forstweg mit tiefen, wassergefüllten Furchen. Bald zweigt unser Wanderweg jedoch als schmaler Pfad ab und schraubt sich wieder den Hang hinauf. Der Bewuchs wird immer dichter. Wir rätseln, wann hier wohl zuletzt jemand entlanggegangen ist – mitten auf dem schmalen Pfad wächst bereits ein junger Tannenbaum. Das Gelände fällt steil zum Fluss hin ab, tief unter uns schimmert der Wisłok durch die Bäume. Erst später stelle ich auf Mapy.cz fest, dass wir direkt oberhalb einer markanten Abbruchkante unterwegs waren. Der Wisłok hat sich hier tief in das für diese Gegend typische Sediment aus Lehm, Sand, Kalk und Schiefer eingeschnitten und stellenweise steile Fels- und Erdhänge geschaffen.
Schließlich stehen wir vor einem regelrechten Dickicht. Gräser, Brennnesseln, Stauden und anderes Grünzeug reichen uns bis zur Nasenspitze. Der Weg ist nicht mehr zu erkennen – und auch nicht, wo der Abhang beginnt. Ab den Knien verschwinden unsere Beine vollständig im dichten Grün, während uns Schwärme von Mücken umschwirren. Mit meinem Wanderstock taste ich vorsichtig den Untergrund ab, um mögliche Unebenheiten rechtzeitig zu bemerken.
Komoot behauptet, dass uns nur noch fünfzig Meter von einem Verkehrsweg trennen. Schritt für Schritt arbeiten wir uns voran. Taucht vor uns dichtes Buschwerk oder ein unüberwindbarer Steilhang auf, wäre die Wanderung an dieser Stelle beendet und wir müssten umkehren. Ich kenne das von meinen Offroad-Wanderungen im Havelland. Zehn Meter Dickicht oder Sumpf können schon genügen, um jede Route zunichtezumachen.
Plötzlich stoßen wir auf eine breite Tierspur. Auf etwa achtzig Zentimetern Breite sind sämtliche Gräser flach nach vorne niedergewalzt. Die Spur kreuzt unseren Weg, verläuft ein Stück parallel zu unserer Richtung und zieht sich dann rechts den Hang hinauf. Wir arbeiten uns weiter vor – und endlich liegt eine Straße vor uns.
End-lich ge-schafft.
Aufatmen, Gräser abschütteln, und die Stöcke dürfen verstaut werden. Jetzt brauchen wir nur noch einen Platz für eine Pause. Ein Waldarbeiter sitzt neben seiner Maschine und isst, und wir entdecken gleich danach einen Wanderer-Rastplatz. Wir machen Pause, essen Müsliriegel, Nüsse und eine Banane, während Milli zufrieden ihr Leckerli knabbert.
Am Rastplatz steht eine große Informationstafel mit Verhaltensregeln für den Fall einer Bärenbegegnung. Jetzt wird auch Monika etwas mulmig. Wir rätseln, ob die Spur, die wir eben gesehen haben, von einem Bären stammen könnte. Möglich wäre es durchaus. Rotwild würde das Gras wohl nicht so flach niederdrücken, und Wildschweine hinterlassen vermutlich schmalere Wechsel.
„Vielleicht war es auch nur ein kurzsichtiger, extrem adipöser Mann, der seine Kontaktlinsen verloren hat und sie auf allen Vieren suchte“, schlage ich vor.
Moni verdreht die Augen. „Ich mache hier keine Wanderung mehr“, entgegnet sie knapp.
Eine Dreiviertelstunde später erreichen wir Puławy – zunächst den unteren Ortsteil Puławy Dolne, anschließend Puławy Górne, wo wir uns schon auf das Restaurant Amadeus freuen. Ich bekomme ein riesiges Schnitzel, Moni einen Rehbraten. Danach gibt es Kaffee und Crème brûlée.
Kaum haben wir bezahlt, beginnt es zu regnen. Für den Aufstieg zu unserer Hütte benötigen wir noch einmal rund fünfundvierzig Minuten, und der Wetterbericht zeigt eine längere Regenfront an.
Dann lieber sofort los.
Wir ziehen die Regenkleidung an und machen uns auf den Weg. Aus der Ferne hören wir Donnergrollen, und Milli, durch die Berliner Silvesterknaller ohnehin schwer traumatisiert, wird sofort nervös. Aus dem Grollen werden Donner. Bald sehen wir hinter dem Berg oberhalb unserer Hütte die ersten Blitze aufleuchten. Eins, zwei, drei Sekunden – Donnerschlag.
Also ungefähr einen Kilometer entfernt.
Wir laufen inzwischen über einen baumfreien Bergrücken – zwei opferbereite deutsche Blitzableiter mit Hund.
Zum Glück zieht das Gewitter schließlich in eine andere Richtung. Zurück an der Hütte schälen wir uns aus den nassen Klamotten und lassen uns erschöpft aufs Sofa fallen.
Am Nachmittag klopft es an die Tür unserer Hütte. Ein Pfadfinder fragt höflich, ob er unsere Toilette benutzen dürfe. Da die Hütte klein und ziemlich hellhörig ist, sitze ich fast neben ihm. Also greife ich zur Ukulele und spiele ihm die Beatles-Liedchen vor, die ich im Urlaub gelernt habe – vielleicht fördert Musik ja die Verdauung. Irgendwann gehen mir die Stücke aus. Die Tür öffnet sich, und ein erleichtertes Pfadfindergesicht erscheint.
Seine Gruppe ist auf einer mehrtägigen Fernwanderung unterwegs. Täglich legen sie rund zwanzig Kilometer zurück, mit etwa dreißig Kilogramm Gepäck auf den Schultern. Ihr Ziel ist Nowy Sącz.
Das Übernachten im Wald sei wegen der Bären nicht immer ganz einfach, erzählt er. Gesehen hätten sie zwar noch keinen, Spuren und Losung dagegen schon häufiger. Je weiter sie sich jedoch von der ukrainisch-slowakischen Grenze entfernten, desto seltener würden solche Hinweise.
Na, denke ich, dann würde ich wohl auch lieber eine Hütte mit Toilette aufsuchen, als mich irgendwo im Gebüsch erleichtern zu müssen. Ich wäre wahrscheinlich die ganze Zeit damit beschäftigt, mit einem kleinen Spiegel hinter mich zu schauen.
Übersetzung der Infotafel (Auszug)
Du befindest dich im Bärenland!
Wenn du mir nicht begegnen möchtest …
- Plane keine Wanderungen nach Einbruch der Dunkelheit.
- Meide dichte Jungwälder und stark bewachsene Bereiche.
- Verhalte dich so, dass der Bär dich schon von Weitem hören kann – sprich, summe oder pfeife leise.
- Verpacke Lebensmittel sorgfältig, damit sich ihr Geruch nicht verbreitet.
Wenn wir uns trotzdem begegnen…
- Bleib stehen und bewahre Ruhe.
- Hat der Bär dich noch nicht bemerkt oder ignoriert dich, geh auf demselben Weg zurück.
- Zeigt der Bär Interesse an dir, bleib stehen und sprich ruhig mit ihm, damit er erkennt, dass du ein Mensch bist.
- Dreh ihm nicht den Rücken zu, sondern zieh dich langsam zurück.
- Wenn du zurückweichst, kannst du ein Kleidungsstück (z. B. Mütze oder Schal) fallen lassen – möglicherweise beschäftigt sich der Bär mit dessen Geruch.
Der Bär greift an …
- Schütze Kopf und Nacken.
- Wirft dich der Bär zu Boden, nimm eine Schutzhaltung ein:
- auf den Bauch legen,
- Hände über den Nacken verschränken.
- Stell dich tot. In den meisten Fällen entfernt sich der Bär wieder, wenn du keine Bedrohung mehr darstellst.
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