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Rymanów-Zdrój und die Steilwand

Hölzerne Kurvillen aus Galiziens Blütezeit, die Steilwand des Wisłok – und Abschied von Polen.

31.7.2026 · Polen · Karpatenvorland

Ein Tag verbleibt uns noch in Südostpolen. Nach der gestrigen Wanderung durch die Wälder möchten wir noch etwas sehen, doch eine längere Autofahrt kommt nicht infrage. Die rund 850 Kilometer bis Berlin werden uns morgen noch genügend Stunden hinter dem Steuer bescheren.

Wir entscheiden uns deshalb für einen Ausflug nach Rymanów und weiter in den südlich gelegenen Kurort Rymanów-Zdrój.

Rymanów-Zdrój

Obwohl unser Ziel kaum zehn Kilometer Luftlinie entfernt liegt, benötigen wir fast eine Dreiviertelstunde. Die Straßen schlängeln sich durch die Täler der Niederen Beskiden; direkte Verbindungen gibt es kaum.

Wir fahren zunächst durch Rymanów hindurch und erreichen den Kurort. Auf einem öffentlichen, kostenlosen Parkplatz finden wir problemlos einen Platz.

Rymanów-Zdrój liegt zwischen zwei bewaldeten Berghängen im Tal des kleinen Flusses Tabor. Entlang des Baches ziehen sich gepflegte Wege durch die Kuranlagen. Verkaufsstände bieten Käse, Eis oder Kleidung an – ein vertrautes Bild in vielen polnischen Kurorten.

Zunächst wirkt vieles überraschend modern. Die historischen Holzbauten, die wir erwartet haben, entdecken wir erst weiter südlich. Dort stehen sie plötzlich dicht beieinander: Villa Maria, Villa Zofia und einige weitere Gebäude aus der Gründerzeit des Kurortes.

Der Kurort entstand 1876, nachdem auf dem Gut der Familie Potocki mineralhaltige Quellen entdeckt worden waren. Damals gehörte diese Region noch zu Galizien, dem österreichischen Kronland der Habsburgermonarchie. Heilbäder erlebten gerade ihre Blütezeit, und auch Rymanów-Zdrój entwickelte sich rasch zu einem eleganten Kurort mit großen hölzernen Villen, breiten Veranden und Spazierwegen. Ähnliche Orte sind uns auf unseren Reisen bereits begegnet, etwa Szczawnica.

Die verschiedenen Heilwässer können bis heute im Pumpenhaus verkostet werden.

Brände und beide Weltkriege trafen den Kurort schwer. Im Ersten Weltkrieg verlief die Front unmittelbar durch die Kuranlagen. Nach dem Wiederaufbau folgten im Zweiten Weltkrieg erneut schwere Zerstörungen. Immer wieder entstand Rymanów-Zdrój neu. Nach 1945 kamen moderne Sanatorien hinzu, 1966 eröffnete ein Freibad, das 2020 durch einen modernen Badekomplex ersetzt wurde.

Von der mondänen Vergangenheit sind heute nur noch wenige Anklänge geblieben. Das Ortsbild wird vor allem vom breiten, eingefassten Flussbett des Tabor geprägt. Mehrere kleine Brücken verbinden die beiden Ufer, Spazierwege begleiten den Bach auf seiner gesamten Länge. Am Talrand befinden sich mehrere Sanatorien und moderne Kuranlagen.

Kurz vor der Flussgabelung gelangen wir zu einem kleinen Platz mit Springbrunnen. Dahinter steht die hölzerne Villa Opatrzność – „Göttliche Vorsehung“. Äußerlich wirkt sie unscheinbar, doch für einige Jahre spielte sie eine überraschend wichtige Rolle. Von 1934 bis 1937 befand sich hier die Zentrale der Apostolischen Administration des Lemkenlandes, einer unmittelbar Rom unterstellten griechisch-katholischen Kirchenverwaltung. Die Villa war damit ein Zentrum des religiösen und zugleich nationalen Ringens um die Identität der Lemken.

In der Nähe liegt ein kleiner künstlich angelegter See. Mitten im Wasser steht ein Haus auf Stelzen, dahinter eine Freilichtbühne. Natürlich muss Milli dort wieder als Fotomodell herhalten – wie immer mit stoischer Gelassenheit.

Die bewaldeten Hänge beginnen unmittelbar auf der anderen Seite des Tabor. Von hier führen zahlreiche Wanderwege in die Berge, darunter auch der Hauptwanderweg der Beskiden, den wir bereits an unserer Hütte in Puławy kennengelernt haben. Für einen längeren Aufenthalt würde sich der kleine Themenrundweg anbieten. Uns fehlt an diesem letzten Urlaubstag jedoch etwas Zeit – und wir möchten unseren Aufenthalt lieber mit Cappuccino und Kuchen ausklingen lassen.

Gar nicht so einfach.

Nicht, weil es keine Cafés gäbe. Wir wünschen uns einfach einen Ort mit Geschichte, möglichst in einem der alten Holzgebäude. Eine solche Restauration finden wir hier jedoch nicht.

Rymanów

Ich schlage deshalb vor, unser Glück am Rynek von Rymanów zu versuchen, dem eigentlichen Hauptort etwa zwei Kilometer nördlich. Auf Google Maps hatte ich dort einige Cafés entdeckt.

Rymanów liegt im Gegensatz zum Kurort oben auf einem Hügel. Der Rynek ist ungewöhnlich breit, Parkplätze befinden sich direkt in seiner Mitte.

Wir schlendern an den Geschäften vorbei. Mitten auf dem Platz entdecken wir ein Café, das in einem umgebauten Container untergebracht ist. Selbst auf dem Dach stehen Tische und Stühle. Eigentlich gefällt uns die Idee, doch der Wind pfeift kräftig über den Platz, also gehen wir weiter.

Unser Weg führt uns zur Parafia św. Wawrzyńca, der Pfarrkirche des heiligen Laurentius. Noch bevor wir sie erreichen, fällt uns ein großes Wandgemälde auf. Es zeigt Anna Potocka, geborene Działyńska (1846–1926), jene Frau, die gemeinsam mit ihrem Mann den Kurort Rymanów-Zdrój gegründet hat. Die Aristokratin engagierte sich weit über den Kurbetrieb hinaus: Sie gründete Schulen, Kinderheilstätten und Einrichtungen für Bedürftige und wird deshalb bis heute in der Region verehrt.

Zurück am Rynek finden wir schließlich doch noch den passenden Ort für unseren Abschiedskaffee: die wunderbare Bäckerei Chlebak.

Wir nehmen an einem langen Holztisch Platz. Hinter uns schmücken polnische Comics die Wand, während Moni am Tresen Kuchen und Kaffee bestellt – und natürlich Jagodzianki für Berlin.

„Was heißt vier auf Polnisch?“, ruft sie zu mir herüber.

Ich zähle im Kopf, doch weiter als bis drei komme ich nicht. Drei Wochen Polen, und ich kann nur bis drei zählen. Also halte ich vier Finger in die Luft.

Die mit Heidelbeeren gefüllten Hefeteilchen sind riesig. Überhaupt, die Heidelbeeren! Ich werde sie vermissen. An so vielen Straßenständen werden sie frisch angeboten, oft in großen Gläsern aufgeschichtet. In Deutschland begegnet man ihnen kaum noch in dieser Qualität.

Die Steilwand des Wisłok

Auf der Rückfahrt zur Hütte kaufen wir noch Oscypek und polnische Würste ein. Einen letzten Stopp legen wir an der Steilwand des Wisłok ein.

Auf allen Fahrten zu unserer Hütte in Puławy sind wir an dem kleinen Parkplatz vorbeigekommen. Meist standen dort ein oder zwei Autos, am Wochenende war er dagegen überfüllt. Von der Straße aus wirkt der orangefarbene Steilhang dahinter recht unspektakulär. Fast fragt man sich, weshalb so viele Menschen hier anhalten.

Doch dieser Eindruck hält nur bis zum Fußweg, denn mit jedem Schritt öffnet sich der Blick weiter. Der Wisłok fließt einige Meter unterhalb des Weges, und dann erhebt sich die fast vierzig Meter hohe Felswand vor uns.

Eine große Familie hat sich am Flussufer ein Picknick eingerichtet. Wir gehen weiter bis ans Wasser. Der Wisłok führt nur wenig Wasser, sodass wir weit ins Flussbett hinauslaufen können. Tatsächlich quert hier sogar ein Wanderweg den Fluss. Auf der anderen Seite stehen ein Mann und eine Frau unmittelbar vor der gewaltigen Felswand.

Über Millionen von Jahren hat sich der Wisłok immer tiefer in das Gestein eingeschnitten und dabei die Schichten eines längst verschwundenen Meeres freigelegt. Ähnliche, wenn auch deutlich kleinere Formationen hatten wir bereits auf unserer Wanderung durch das ehemalige Lemkendorf Wernejówka entdeckt.

Der Wisłok macht einen Bogen vor der Steilwand, und wir klettern ein kleines Stück am Rand entlang. Später wird uns unsere Gastgeberin noch mitteilen, dass das Flussbett an heißen Tagen sehr beliebt ist und viele Leute anzieht.

Abschied

Nun heißt es Abschied nehmen.

Der Nachmittag gehört unserer Hütte. Wir packen unsere Sachen zusammen, räumen auf und sitzen noch einmal vor dem Haus. Der Blick schweift über die bewaldeten Berge, die uns in den vergangenen Tagen so vertraut geworden sind.

Am Abend ruft mich Moni nach draußen. Ich solle schnell das Fernglas mitbringen. Über die Wiese streift lautlos eine große Wildkatze. Man könnte sie für eine Hauskatze halten, wenn sie nicht so groß wäre. Wie eingefroren steht sie da. Ich rufe ein Miau herüber und ernte einen Knuff von Moni in die Seite. Die Wildkatze aber lässt nur kurz ein Ohr zucken und blickt weiter gebannt auf etwas vor ihr.

Am nächsten Morgen brechen wir auf. Wir benötigen gut elf Stunden bis Berlin. Zu Hause warten bereits unsere Kinder; Nudeln stehen auf dem Herd, wir braten den Oscypek als kleinen Snack dazu und erzählen von unserer Reise.

Zum Nachtisch gibt es Jagodzianki.


Mit unseren Gastgebern Renata und Jacek folgt anschließend noch ein herzlicher E-Mail-Austausch. Ich schicke ihnen die Links zu meinen Reiseberichten. So wie wir bedauern auch sie, dass wir während unseres Aufenthalts kaum Gelegenheit hatten, uns länger zu unterhalten. Meine Sorge, in den Texten vielleicht etwas falsch verstanden oder wiedergegeben zu haben, erweist sich als unbegründet.

Aber eines vermissen sie doch: die Bärenfotos. 🐻

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