Die Niederen Beskiden im Karpatenvorland
Ein Grenzland als Brennglas europäischer Geschichte: Lemken und Juden, Holzkirchen und Ikonen, Vertreibung und Krieg.
Die dritte Station unserer Polenreise führt uns ganz weit in den Südosten Polens, in die Woiwodschaft Karpatenvorland, etwa 50 Kilometer vom Dreiländereck Polen–Ukraine–Slowakei entfernt.
Puławy heißt der Ort, in dem wir ein Airbnb gebucht haben – eine Hütte am Waldrand.
Wir verlassen unsere Unterkunft in den Inselbeskiden bei Szczawa und machen uns auf den Weg. Etwa vier Stunden dauert die Fahrt für rund 180 Kilometer.
Für uns ist dieses Ziel etwas ganz Besonderes. So weit in den Osten zu fahren regt die Fantasie an. Moni ist wie immer bestens belesen, und auch ich habe mich schon etwas schlau gemacht. Werden wir auf der Fahrt einen Unterschied bemerken? Wird es archaischer, einsamer?
Nachdem wir erst Nowy Sącz und dann Gorlice hinter uns gelassen haben, verändert sich tatsächlich die Landschaft. Eine weitgehend schnurgerade Straße führt durch ein Land mit sanften Hügeln und Tälern, die Orte werden kleiner und seltener. Hinter Rymanów und Besko geht es schließlich südlich in die Bergwelt des Karpatenvorlandes.
Den Schlüssel zu unserer Hütte holen wir in Puławy Górne ab. Die Adresse zu erreichen fällt schwer, denn der winzige Ort ist mit mindestens fünfzig Autos vollgeparkt – die Gäste einer Beerdigung treffen gerade ein, als gleichzeitig wegen eines plötzlich einsetzenden Unwetters viele zur Abreise aufbrechen.
Schließlich klingeln wir an der richtigen Adresse und werden herzlich begrüßt. Ein deutsches Paar hätten sie dieses Jahr schon als Gäste gehabt, schmunzelt unsere Vermieterin. Das werde ja immer mehr.
Ein paar letzte Instruktionen folgen, darunter auch der Hinweis, in den Wäldern ordentlich laut zu sein, damit die Bären genügend Zeit haben, aus dem Weg zu gehen. Ich warte vergeblich auf ein Augenzwinkern. Dann setzen wir uns wieder ins Auto.
Im Navi sieht die Landschaft immer so flach aus.
Drei Kilometer zieht sich eine Schotterpiste den Hang hinauf, bis wir am Ende einer langen Weide unser Haus direkt am Waldrand sehen.
Was für eine tolle Hütte! Eine Stube mit Küche unten, zwei Schlafzimmer oben. Und eine Terrasse mit einem weiten Blick über das Land.
Wir packen aus, trinken Kaffee und lesen nach, was es mit den Bären hier so auf sich hat. Tatsächlich stellen wir fest, dass es aktuelle Bärensichtungen genau in unserem Gebiet gibt. Und überall dieselben Hinweise: ordentlich Lärm machen. Nicht in die Augen schauen. Langsam rückwärts gehen, nicht rennen. Wenn der Bär nicht weggeht, die 112 rufen. Keine Panik.
In den Wald gehen wir an diesem Abend nicht mehr. Stattdessen laufen wir ein Stück den Anfahrtsweg hinunter. Links und hinter uns beginnen die Wälder, die sich bis tief in die Karpaten ziehen, vor uns rollen die Hügel und Berge nach Norden. Absolute Stille und eine Natur in kräftigen, satten Grüntönen, dazu wilde Blumen am Wegesrand. Wunderschön.
In der Nacht regnet es durch, und am nächsten Morgen ist es in unserer Waldhütte so kalt, dass ich erst einmal Feuer im Ofen mache. Wir kuscheln uns ein, vertrödeln den Vormittag, erzählen und lesen.
Lemken und Pfingstler
Wir hatten schon darüber gelesen. Doch als wir gegen Mittag einen Spaziergang hinunter ins Dorf machen, begegnen wir der Geschichte dieser Region auf Schritt und Tritt – den Grausamkeiten des Krieges und der Nachkriegszeit.
Hier lebten bis zum Zweiten Weltkrieg Lemken, Juden und Polen nebeneinander. Die jüdische Bevölkerung wurde von den deutschen Besatzern im Holocaust ermordet. Die Lemken wiederum wurden in den Jahren nach dem Krieg im Zuge der Zwangsumsiedlungen vertrieben. Die blutigen Kämpfe zwischen der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) und der polnischen Armee veranlassten die kommunistische Führung Polens, die griechisch-katholischen und orthodoxen Lemken zwangsweise umzusiedeln, weil man ihnen pauschal eine Unterstützung der UPA unterstellte.
So entstanden im Südosten Polens lange Zeit verwaiste Dörfer. In den 1960er Jahren zogen unter anderem Familien aus dem Teschener Schlesien hierher. Als evangelische Pfingstler hofften sie, in den abgelegenen Bergregionen ihre Religion freier leben zu können als in ihren bisherigen Heimatorten.
Puławy ist eines von nur einer Handvoll solcher Pfingstlergemeinden in Polen.
Wir kommen am Friedhof vorbei, auf dem tags zuvor die Beerdigung mit den vielen Gästen stattgefunden hat. Auf der linken Seite sehen wir alte Grabstellen mit verwitterten Grabmalen, Andreaskreuzen und Inschriften in kyrillischer Schrift, rechts liegen die neueren Gräber. Eine verblichene Informationstafel erzählt von der einst multikulturellen Gemeinschaft dieses Ortes.
Hinter dem Zaun weiden Kühe auf einer Wiese am Hang, und ein Sessellift bringt im Winter die Skifahrer auf den Berg.
An der Talstation befindet sich das Restaurant Amadeus – ein sehr gutes Restaurant, wie uns unsere Vermieterin schon empfohlen hatte. Obwohl der Hunger gar nicht groß ist, sind wir neugierig.
Als wir uns als einzige Gäste auf der kühlen Terrasse niederlassen, werden wir sofort von zwei Frauen angesprochen, die uns auf Polnisch und Englisch frisch gemachte Pierogi mit Heidelbeerfüllung empfehlen. Moni bestellt dazu eine Pilzsuppe, deren Duft nach Erde und Wald ebenfalls fantastisch ist.
Auf dem Rückweg treffen wir eine Frau wieder, die wir schon bei unserer Ankunft im Haus der Vermieter kennengelernt haben und die Deutsch spricht. Ob bei uns alles in Ordnung sei, möchte sie wissen.
Alles prima, strahlen wir. Aber die Sache mit den Bären habe uns doch etwas Angst eingejagt. Wie sie das sehe, frage ich und hoffe auf Worte, die mich von meiner Ängstlichkeit befreien.
Sie, sagt sie, gehe definitiv nicht in den Wald.
Der Weg zu unserer Hütte ist zugleich ein offizieller Wanderweg. Am Abend sehen wir zwei junge Männer mit großen Rucksäcken, die im Wald verschwinden, um sich dort einen Schlafplatz für die Nacht zu suchen.
Vielleicht sind sie auf dem Główny Szlak Beskidzki unterwegs, dem längsten Fernwanderweg der polnischen Karpaten, der auch durch unseren Ort Puławy Górne führt.
Die Niederen Beskiden gelten unter polnischen Naturfreunden und Abenteurern als eine der ursprünglichsten Bergregionen des Landes. Außerhalb Polens dagegen kennt sie kaum jemand. Viele zieht es stattdessen in die berühmteren Bieszczady, die für manche Polen zu einem Sehnsuchtsort geworden sind. „Alles hinschmeißen und in die Bieszczady fahren“ ist dort längst zum geflügelten Wort geworden. Vielleicht liegt gerade darin der Reiz der Niederen Beskiden: Sie scheinen die stille Schwester der Bieszczady zu sein.
Lesko
Tags darauf entscheiden wir uns für einen Autotag. Wir möchten einige kulturelle Orte kennenlernen, aber auch einen ersten Blick in die Bieszczady werfen.
Geplant ist eine rund 150 Kilometer lange Rundtour über die nördlich gelegenen Städte Sanok und Lesko und anschließend entlang des Osława-Tals bis nach Komańcza.
Sanok wollen wir bei dieser Gelegenheit auslassen, obwohl wir die Entscheidung fast bereuen, als uns das Navi durch die Straßen der schönen Altstadt führt. Später wird sich jedoch zeigen, dass sie richtig war. Unsere Tour ist lang, und es gibt noch viel zu sehen.
Stattdessen steuern wir Lesko als ersten Ort an und finden direkt am Rathaus einen freien Parkplatz. Das Gebäude liegt unmittelbar an der Durchgangsstraße.
Lesko besitzt keinen klassischen Altstadtkern, wie man ihn aus vielen mitteleuropäischen Städten kennt. Der Verkehr auf der Hauptstraße verhindert, dass ein geschlossenes, ruhiges Zentrum entsteht. Dennoch lohnt sich ein Spaziergang. Rund um den Marktplatz, die Synagoge und das Schloss finden sich immer wieder stille Ecken, in denen der historische Charakter der kleinen Karpatenstadt spürbar wird.
Synagoge und jüdischer Friedhof
Wir spazieren zur Synagoge, die – abgesehen von einigen Informationstafeln im Vorraum – im Inneren kaum noch jüdische Spuren erkennen lässt. Der große Innenraum wirkt offen und schlicht und beherbergt heute eine Kunstausstellung.
Auf dem benachbarten Hügel befindet sich der jüdische Friedhof.
Wir teilen uns wieder auf: Erst geht Moni auf den Hügel, während ich mit Milli unten bleibe, anschließend tauschen wir.
Während Moni auf dem Hügel ist, nutze ich die Zeit und spaziere die Straße weiter, die mich zum großen kommunalen Friedhof und zu einem kleinen Soldatenfriedhof zur Erinnerung an die Gefallenen des 1. Weltkrieges führt.
Dann kehre ich um, gehe zurück zum jüdischen Friedhof.
Die verwitterten Stufen hinaufzusteigen wird in der Mittagshitze zunehmend anstrengend, und ich fühle mich fehl am Platz. Ich weiß so wenig über das jüdische Leben. Die Worte Shoa und Schalom kommen mir in den Sinn – wie bezeichnend. Auf der einen Seite die Shoa, die abscheuliche und auf ewig unentschuldbare Vernichtung des europäischen Judentums durch die Deutschen. Auf der anderen Seite fällt mir nichts Besseres ein, als einem jüdischen Gläubigen, wenn ich ihm hier begegnen würde, ein fröhliches „Schalom“ zu wünschen.
Und doch ist es gut, hierherzugehen. Der ganze Hügel ist voller Grabsteine, viele so alt und verwittert, dass sie wie schiefe Zähne kreuz und quer aus dem Boden ragen.
Auf der Hügelkuppe stehen einige größere, offenbar restaurierte Grabsteine unter einer Überdachung. Vor ihnen liegen Dutzende kleiner Zettel mit hebräischen Gebeten oder Bitten, dazu Steinchen und Grablichter.
Später lese ich, dass Lesko einst ein bedeutendes jüdisches Zentrum war und hier ein Zweig der hoch angesehenen chassidischen Familie Horowitz seinen Ursprung hatte. Die Gräber der Rabbiner werden bis heute von Pilgern besucht. Die kleinen Zettel heißen Kwitlech – Bittzettel, auf denen Wünsche oder Gebete notiert werden. Die Steinchen auf den Grabsteinen sind ein alter jüdischer Brauch. Sie zeigen, dass jemand den Verstorbenen besucht hat und seiner gedenkt.
Für mich war es wichtig, diesen Ort zu besuchen. Er hat mich spüren lassen, wie tief das jüdische Leben einst in Europa verwurzelt war, bevor der alle Hemmungen und jede Menschlichkeit verlierende Hass der Nationalsozialisten einen großen Teil dieses vielfältigen Europas auslöschte. An einem Ort wie diesem wird sichtbar, dass nicht nur Menschen ermordet wurden, sondern auch jahrhundertealte Kultur, Tradition und Erinnerung.
Wir gehen zurück zum Rathaus. Neben dem Gebäude steht ein kleiner Brunnen, dahinter ein Denkmal für die Opfer von OUN und UPA in den Jahren 1944 bis 1947.
Die Bäckerei am Rynek besitzt eine kleine Terrasse mit vielen Tischen und noch mehr Stühlen. In dem Gewirr aus Tisch- und Stuhlbeinen einen freien Platz zu finden, ist gar nicht so einfach. Schließlich werden wir fündig – bis wir feststellen, dass hier Selbstbedienung herrscht und Moni sich erbarmt, den mühsamen Weg zurück zum Tresen anzutreten.
Wir trinken unseren Cappuccino und essen ein Stück Kuchen. Doch der Verkehrslärm strengt mich an, und ich sehne mich nach der Ruhe unserer Waldhütte.
Nun fahren wir weiter nach Südwesten. Ein paar Holzkirchen stehen auf unserem Programm.
„Ein paar Holzkirchen?!“, fragt Moni entrüstet, als ich ihr diesen Text vorlese.
Recht hat sie. Das verlangt nach einer Erläuterung.
Die berühmten Gotteshäuser der Lemken sind vollständig aus Holz errichtet, mit Schindeldächern gedeckt und von mehreren zwiebelförmigen Türmen gekrönt. Häufig stehen sie auf Anhöhen und fügen sich harmonisch in die Landschaft ein.
Viele dieser Kirchen stammen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert und wurden nahezu vollständig ohne Eisennägel errichtet. Ursprünglich waren die meisten griechisch-katholische Kirchen. Das bedeutet: Die Lemken erkannten zwar den Papst als Oberhaupt der Kirche an ( -> katholisch), feierten ihre Gottesdienste jedoch nach dem byzantinischen Ritus ( -> griechisch). Dieser richtet sich stärker an die Sinne und das Erleben des Glaubens als der uns vertraute römisch-katholische Gottesdienst. Weihrauch, Kirchenbanner, reich bemalte Wände und Decken sowie die Ikonostase – eine vollständig mit Ikonen bedeckte Bilderwand vor dem Altar – verleihen den Kirchen eine feierliche und geheimnisvolle Atmosphäre. Hinzu kommt, dass fast der gesamte Gottesdienst gesungen wird.
Griechisch wurde hier übrigens nicht gesprochen. Der Begriff „griechisch“ verweist auf die griechisch geprägte Liturgie des Byzantinischen Reiches mit seiner Hauptstadt Konstantinopel.
Nun also auf zu den berühmten Holzkirchen.
Die lemkische Holzkirche Wygnanka
Bei Szczawne öffnet sich die Landschaft erneut und gibt den Blick auf ein spektakuläres Panorama frei. Anschließend folgen wir dem Fluss Osława und erreichen die Holzkirche von Wygnanka.
Fast gleichzeitig mit uns trifft ein Paar mit seinem Sohn ein. Das Innere der Kirche beeindruckt sofort. Hinter dem Altar erhebt sich eine vollständig mit Ikonen bedeckte Wand – die Ikonostase. An den Seiten stehen Kirchenbanner, sogenannte Gonfalons.
Decke und Wände sind reich mit farbenfrohen Malereien geschmückt. Ich mache gerade einige Fotos, als mich die Frau, die sich um die Besucher kümmert, auf Polnisch anspricht. Wie so oft bringe ich nur ein hilfloses „Nie mówię po polsku“ hervor. Der Familienvater übersetzt: „No flashes and only few pictures, please.“
Er fragt, woher wir kommen, und so entwickelt sich ein Gespräch auf Englisch. Er ist der Sohn der Frau, lebt seit vielen Jahren in England und besucht seine Heimat.
„Das ganze Dorf bestand früher aus Ukrainern“, sagt er.
„Es waren Lemken!“, ruft seine Mutter empört dazwischen.
Er lächelt etwas verlegen.
„Naja, eher ukrainisch als polnisch, wenn man so will.“
Auch seine Großmutter, ebenfalls eine Lemkin aus diesem Dorf, sei verschleppt worden.
„Von der polnischen Militärverwaltung?“, frage ich. Nach den blutigen Auseinandersetzungen mit der UPA wurden die Lemken schließlich im Rahmen einer groß angelegten Umsiedlungsaktion der kommunistischen polnischen Regierung aus ihrer Heimat vertrieben.
„Nein“, sagt er nach einer kurzen Pause. „Das waren deine Vorfahren.“
Für einen Moment fehlen mir die Worte. So oft sind wir auf Reisen der Geschichte nachgegangen und haben versucht zu verstehen. Im vergangenen Jahr haben wir uns intensiv mit der Geschichte der Deutschen in Schlesien beschäftigt und uns unzählige Male mit der deutschen Verantwortung auseinandergesetzt. Doch über Geschichte zu lesen, ist etwas völlig anderes, als mit Betroffenen oder ihren Nachfahren darüber zu sprechen.
„Es ist nicht deine Schuld“, sagt er, als er meine Verunsicherung bemerkt.
Später sei das gesamte Dorf nach Schlesien umgesiedelt worden, erzählt er weiter. Dort hätten sie plötzlich in Steinhäusern statt in Holzhäusern gelebt. Landmaschinen hätten sie nicht gekannt. Als sie zum ersten Mal einen Motor in einer Scheune sahen, hätten sie ihn für eine Bombe gehalten.
Das erinnert mich an die Passagen, die Moni aus dem Buch In den Häusern der anderen zitiert hat, das sie gerade liest. Eindrücklich schildert die Autorin, wie es den vertriebenen Polen erging, die in die entvölkerten Dörfer der Deutschen in Schlesien einzogen – in Orte mit einer fremden Geschichte, fremden Gegenständen und einer ungewohnten Umgebung. Wie schwer es ihnen fiel, diese neue Welt als Heimat anzunehmen.
Mein Gesprächspartner fährt fort. Seine Großmutter sei in den sechziger Jahren als einzige ehemalige Bewohnerin zurückgekehrt.
„Hier ist sie begraben“, sagt er und zeigt auf die Gräber.
Oben bei den neueren Gräbern habe man jetzt Skelette mit Pickelhauben gefunden, erzählt er weiter. Tatsächlich benutzt er das deutsche Wort Pickelhaube. Außerdem habe man unzählige Patronenhülsen entdeckt, viele mit den Jahreszahlen 1914 und 1915. Elendige, blutige Kämpfe müssen hier getobt haben – zwischen Russen, Österreich-Ungarn und Deutschen.
Im Zweiten Weltkrieg kamen dann die deutsche Besatzung und schließlich die Rote Armee, und rollte über das Land hin und her.
„Wenn ich ehrlich bin“, sagt er, „kann ich gar nicht entscheiden, wer schlimmer war.“
„Ich hoffe, Polen hat eine friedliche Zukunft“, sage ich.
„Ja“, antwortet er. „Aber keine hundert Kilometer von hier ist eine russische Mittelstreckenrakete eingeschlagen.“
Ob er sich wegen des Krieges in der Ukraine Sorgen mache, frage ich.
„Am Anfang schon“, sagt er. „Jetzt nicht mehr so sehr. Solange die Ukraine noch den Kopf hinhält.“
Dabei wirkt er alles andere als glücklich.
Wir verabschieden uns und fahren weiter.
Die Schwere der Geschichte begleitet uns, als wir wenig später die nächste Holzkirche erreichen. Sie schließt gerade ihre Türen.
Es ist in Ordnung. Für heute haben wir genug gesehen – und vor allem genug erfahren.
Auf der Rückfahrt führt uns die Straße durch weite Täler und offene Landschaften. Sie erinnern mich an unsere Portugalreise vor über dreißig Jahren. Kaum Menschen, viel Weite, schnurgerade Straßen und schmale Stichstraßen, die zu kleinen Häusergruppen und Gehöften an den Berghängen hinaufführen.
Als wir am Abend wieder an unserer Hütte ankommen, sind wir völlig erschöpft. In dieser Nacht schlafen wir sehr unruhig.
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