Leica APO-Telyt-R 180 mm f/3,4 an der M11
Das geerbte APO-Telyt meines Vaters hat seinen Platz im Schrank verlassen und reist jetzt mit der M11 – als Tele für den Fall der Fälle.
Ein geerbtes Objektiv
„Dieses Objektiv kostet so viel wie ein Kleinwagen“, sagte mein Vater, als er das APO-Telyt 180 mm f/3,41 aus der Tasche zog und bedächtig in seinen Händen wog. Das war in den späten 1970ern; ich hatte gerade meine Canon AT-1 gekauft.
Die Faszination für die Marke Leica habe ich wohl von ihm geerbt, ebenso wie seine Leica-R3-Ausrüstung. Dazu gehörten ein 35 mm f/2,8, ein 90 mm f/2,8 und eben das 180 mm f/3,4. Vom Kleinwagen ist das APO heute weit entfernt: Gebraucht bekommt man es je nach Zustand für etwa 400 bis 750 Euro.

Ich weiß noch, wie ich schmunzeln musste, als mein Vater so andächtig von APO2 schwärmte. Auf einer Demo des SDS wäre er wohl nie zu finden gewesen. Vielleicht sollte ich das Objektiv „Rudi“ nennen?
Seit vielen Jahren liegt das Objektiv nun im Schrank, und ich finde keine richtige Verwendung dafür. In meinem Fuji-System bin ich mit dem 70–300 mm und dem 150–600 mm gut mit Teleobjektiven ausgestattet. Vintage-Gläser probiere ich gerne einfach zum Vergnügen aus, bei einem Spaziergang durch meinen Kiez. Das 180er APO braucht dagegen Motive, die zur langen Brennweite passen. Ich würde es am ehesten in der Natur- und Landschaftsfotografie einsetzen. Bei Wanderungen durch Brandenburg habe ich allerdings mein Fuji-System dabei, mit dem ich auch für mein Havellandprojekt fotografiere.

Ein Tele für den Fall der Fälle
Auf die Idee, das APO an der M11 auszuprobieren, brachte mich unsere letzte Sommerreise in die Bergregionen in Südostpolen. Auf Reisen nehme ich mittlerweile keine große Fuji-Ausrüstung mehr mit, sondern nur die M11 mit dem 35 mm f/2. Manchmal stecke ich noch das alte Hosentaschentele 90 mm f/43 dazu, aber auf der letzten Reise blieb auch das zu Hause.

Und so kam es, dass ich häufiger als gedacht mit dem iPhone-Tele fotografierte, weil mir eine lange Brennweite fehlte. Ich dachte, wie cool es doch wäre, das APO für diese Handvoll Fotos nutzen zu können, bei denen man eben ein Tele braucht. Auf Ausflügen soll weiterhin nur das 35er mit, das reicht mir. Aber in der Unterkunft und im Auto könnte das 180er auf seinen Moment warten, ohne zur Last zu fallen.
An der M11 als Messsucherkamera funktioniert das Fotografieren mit dem Telyt natürlich nur mit Live-View, idealerweise mit dem aufsteckbaren elektronischen Sucher. Den Visoflex 2 habe ich; er war sogar einer der Gründe, mich für die M11 und nicht für die M10 zu entscheiden. An der M10 läuft er nur mit reduzierter Auflösung und kleinerem Sucherbild, an der M11 dagegen voll – ideal für Weitwinkel und Objektive ohne Messsucherkopplung. Es fehlte lediglich der Adapter von R auf M. Der Original-Leica-Adapter ist mit 490 Euro jenseits von Gut und Böse, also habe ich mir den Urth-Adapter für ein Zehntel des Preises bestellt.

Der passende Adapter
Die Risiken eines schlecht verarbeiteten Adapters sind allerdings nicht zu unterschätzen, weswegen mir die Entscheidung nicht leichtfiel:
- Eine schlechte Innenbeschichtung kann zu Streulicht führen und den Kontrast erheblich mindern.
- Ein zu strammer Sitz kann bei der Montage zu viel Kraftaufwand erfordern und dadurch den Objektivanschluss der Kamera beschädigen.
- Unsauber verarbeitete Anschlussflächen des Adapters, etwa Grate, können ebenfalls den Objektivanschluss der Kamera beschädigen.
Ich hatte in den Rezensionen tatsächlich einige Beschwerden gelesen. Aber ich dachte mir, dass ich mit dem nötigen Feingefühl schon feststellen würde, wenn etwas nicht so butterweich einrastet, wie ich es gewohnt bin.
Der Adapter selbst ist sehr gut verarbeitet und rastet sauber an der Kamera ein. Am Objektiv sitzt er allerdings sehr stramm, für mein Empfinden zu eng. Dazu kommt, dass sich der Entriegelungsschieber am Adapter nicht leicht fassen lässt. Ich komme damit klar, denn ich will den Adapter eher am Objektiv lassen. Würde ich aber häufiger zwischen mehreren R-Objektiven wechseln, wäre das für mich ein Grund zur Reklamation.
Zu nah dran
Bei unserem letzten Kurztrip ins polnische Pommern hatte ich das APO dann dabei.
Nach der ersten Nacht in unserer Unterkunft bin ich mit Milli zur Gassirunde aufgebrochen, die M11 mit dem 35er über der Schulter. Hinter dem Grundstück sah ich den Morgennebel zwischen den Bäumen hängen, von der Sonne beleuchtet. Dafür passte das 35er nicht: zu weit weg. Schnell eilte ich zurück und schnappte mir das 180er. Aber wohin damit? Meine Jacke hat tiefe Taschen, da passte es zu drei Vierteln hinein.
An besagter Stelle setzte ich das 180er an, und … zu nah dran. Wahrscheinlich wäre das 90er perfekt gewesen.
Der Unterschied zwischen 35 und 180 mm ist schon enorm, und ich muss mich erst an den engen Bildausschnitt gewöhnen. Der Messsucher hilft etwas bei der Orientierung: Mit dem 35er zeigt die M11 neben dem 35-mm-Leuchtrahmen auch den für 135 mm an. Das finde ich klasse, denn meistens habe ich das 35er drauf und sehe so gleich, was ein Tele ungefähr erfassen würde. Der Bildausschnitt des 180ers ist allerdings noch enger. Ist der Adapter montiert, springt die Anzeige auf die Rahmen für 50 und 75 mm; um den 135-mm-Rahmen zu sehen, muss ich den Bildfeldwähler drücken.
Als ich nach meiner Morgenrunde zur Unterkunft zurückkam, fehlte der angesetzte Rückdeckel. Ich denke, dass ich ihn durch meine Armbewegungen beim Laufen gelockert habe. Ohne Transportschutz hätte ich das Objektiv die folgenden beiden Tage nicht mehr verwenden wollen: Wenn sich Staub an der offenen Anschlussseite sammelt, landet er womöglich auf dem Sensor.
Also bin ich den Weg noch einmal zurückgegangen, über die Wiesen, und habe ihn tatsächlich gefunden, den Deckel. Er sitzt am Adapter lockerer als an einem M-Objektiv.
Handhabung an der M11
Auf derselben Runde habe ich auch versucht, meine Hündin Milli zu porträtieren; geübt hatte ich das schon vorher in Berlin. Die Handhabung insgesamt ist gewöhnungsbedürftig. Dass die Kamera mit dem Objektiv kopflastig ist, ist klar. Aber die linke Hand muss das Objektiv halten und gleichzeitig den Fokusring und den Blendenring bedienen: bei Offenblende scharfstellen, dann abblenden. Mit der Fokuslupe wackelt und tanzt das Bild hin und her. Bei bewegten Motiven bleibt man besser bei der Arbeitsblende und hält das Objektiv am Fokusring.

Da die M11 keinen Bildstabilisator hat, muss eine kurze Verschlusszeit her. 1/500 Sekunde halte ich bei dem 60-Megapixel-Sensor für angemessen. Dafür muss dann die ISO rauf.

Das geht alles, und mit jedem Mal wird es auch leichter. Ich muss mich an Rudi gewöhnen. Aber M-Fotografie ist das nicht mehr.
Rudi can’t fail4
Wenn ich mir die Fotos in Lightroom anschaue, gefallen sie mir sehr. Farben und Kontrast, aber auch das Bokeh wirken wirklich harmonisch.



Walter Mandler, der dieses Objektiv bei Leitz Canada konstruierte, verdient für seine Arbeit großen Respekt. Beim Social-Media-Hype um das „Mandler-Rendering“ komme ich allerdings nicht immer mit. Da wird die Abbildungsleistung mit derselben Inbrunst verkostet wie ein guter Wein, in dessen Bouquet man noch eine Note verschwitzten Pferdesattels entdeckt. Regarde! Le rendu! Mir gefallen die Fotos auch ohne Sommelierprüfung.
Ein Objektiv mit so guter Abbildungsleistung wie das Telyt will und soll eingesetzt werden, und mit der Leica M geht das auch prinzipiell. Aber die Leichtigkeit, die ich am Fotografieren mit der M schätze, geht dabei verloren. Der Leica-Mojo ist dahin.
Eine Leica SL wäre für diese Zwecke wahrscheinlich besser. Aber noch eine digitale Kamera samt eigenem System mitzunehmen, würde die Unbeschwertheit des beobachtenden Reisens beeinträchtigen. Neben der M11 habe ich meistens ohnehin schon eine analoge Kamera dabei; eine dritte wäre zu viel.
Wahrscheinlich werde ich bei meiner nächsten Reise wieder das Taschentele 90 mm f/4 einstecken. Und im Auto verstaut stört mich auch das 180er nicht. Für den Fall der Fälle ist dann Rudi zur Stelle.

Nachtrag
Was APO eigentlich bedeutet
Das APO-Telyt-R 180 mm f/3,4 wurde ursprünglich für ein Aufklärungssystem der US Navy entwickelt. Seit 1975 konnten es auch zivile Fotografen kaufen.
Hinter dem Kürzel APO steckt eine konkrete optische Leistung. Glas bricht die verschiedenen Wellenlängen des Lichts unterschiedlich stark. Ohne entsprechende Korrektur werden deshalb nicht alle Farben in derselben Ebene scharf abgebildet. Das kann Farbsäume erzeugen und die Schärfe und den Kontrast mindern. Man spricht von chromatischer Aberration.
Durch die Kombination geeigneter Glassorten und Linsenformen lassen sich diese Unterschiede stark reduzieren. Bei einem Achromaten werden zwei ausgewählte Wellenlängen, gewöhnlich im roten und blauen Bereich, in einer gemeinsamen Fokusebene zusammengeführt. Bei einem Apochromaten sind es drei. Dadurch werden auch die verbleibenden Farbfehler zwischen diesen Wellenlängen deutlich kleiner.
Das bedeutet allerdings nicht, dass ein APO-Objektiv unter allen Bedingungen völlig frei von Farbsäumen ist. Ebenso wenig garantiert das Kürzel perfekte Bildränder oder die Abwesenheit anderer optischer Fehler.
APO und ASPH bezeichnen unterschiedliche Eigenschaften. Während die apochromatische Korrektur die Farbfehler betrifft, bezeichnet ASPH den Einsatz asphärischer Linsenflächen. Deren Form weicht von einer Kugelfläche ab. Sie können beispielsweise helfen, Lichtstrahlen, die durch die Mitte und durch die Randbereiche einer Linse fallen, in derselben Ebene zu fokussieren. Eine gute Farbkorrektur setzt solche Flächen jedoch nicht voraus.
Technische Eckdaten
| Eigenschaft | Angabe |
|---|---|
| Markteinführung | 1975 |
| Brennweite | 180 mm |
| Größte Blendenöffnung | f/3,4 |
| Optischer Aufbau | Sieben Linsen in vier Gruppen |
| Naheinstellgrenze | 2,5 m |
| Gewicht | Etwa 750 g |
| Anschluss | Leica-R-Bajonett |
| Gebrauchtpreis (2026) | Etwa 400–750 Euro |
Anmerkungen
-
Apochromatisch heißt: Die Farbfehler sind für drei Wellenlängen statt nur für zwei korrigiert. Mehr dazu im Abschnitt Was APO eigentlich bedeutet. ↩
-
Für meine Generation stand APO vor allem für die Außerparlamentarische Opposition der 1960er-Jahre, deren bekanntestes Gesicht Rudi Dutschke war. ↩
-
Gemeint ist das Elmar 90 mm f/4 in der zweiten Version mit M-Bajonett, in Silber – nicht zu verwechseln mit dem Macro-Elmar oder dem Elmar-C. Gebraucht ist es ein Budget-Objektiv und meist für unter 200 Euro zu haben. ↩
-
Eine Anspielung auf „Rudie Can’t Fail“ von The Clash, erschienen 1979 auf London Calling. ↩