Detlef Hüttemann Fotografie und Texte
Projekte Fotografie Reiseberichte Wanderungen Radtouren Bücher Über mich

Bohnenstengel in Hinterpommern

Eine Hütte bei Brzozowo und die Suche nach dem Hof der Familie in Massow.

7.10.2026 · Polen · Westpommern · Hinterpommern · Maszewo

Den Sommerurlaub hatten wir im Juli in Südostpolen verbracht. Als nun im Herbst noch ein paar freie Tage übrig waren, fragte ich meine Frau, ob es nicht an der Zeit wäre, mal den Ort zu suchen und zu besuchen, aus dem ihre Familie stammt: Maszewo, auf Deutsch Massow, in Hinterpommern.

Hinterpommern, auch Ostpommern genannt, liegt östlich der Oder im heutigen Polen. Aus polnischer Perspektive liegt dieser Teil im Westen des Landes und wird Westpommern genannt.

Eine Hütte bei Brzozowo

Wir finden ein Airbnb bei Brzozowo, vielleicht zehn Kilometer östlich des Stettiner Haffs gelegen. Eine kleine Ranch mit urigen Hütten. Nach drei Stunden Fahrt aus Berlin kommen wir an. Es ist so nah an der Grenze; das westliche Ufer des Haffs gehört bereits zu Mecklenburg-Vorpommern.

Moni sagt immer wieder, wie vertraut ihr das Land vorkommt. Das von der letzten Eiszeit geprägte Relief, die sanften Wellen und das vielfältige Mosaik der Landschaft: Endmoränenhügel, Felder, kleine Wälder und die für Eiszeitlandschaften typischen feuchten Niederungen und Toteislöcher.

Unser Haus ähnelt den Waldhütten unserer anderen Polenurlaube: Eine steile Stiege führt nach oben, unten gibt es eine kleine Kochmöglichkeit. Fischerhaus heißt unsere reetgedeckte Zuflucht, und entsprechend ist es dekoriert: ein ausgestopfter Fisch, ein Paddel an der Decke. Viel Holz, ein kleiner Ofen und ein paar Spinnen.

Ich bin so unvorbereitet aus meiner Arbeit in unseren kleinen Urlaub gefahren, dass mir der Anblick dieses kleinen Refugiums, das Gegacker der Hühner und die quietschenden Rufe der Esel im Hintergrund Tränen in die Augen treiben. Höchste Zeit, mal wieder etwas anderes zu erleben als zwölfstündige Arbeitstage am Rechner.

Den Besuch von Massow heben wir uns für den Folgetag auf. Wir trinken einen Kaffee und spazieren los, weiter in die Landschaft hinein. Komoot kennt keine Wege. Es geht an Birkenwäldchen und abgeernteten Feldern vorbei, auf denen das Heu in den charakteristischen Rundballen herumliegt.

Es riecht nach gegorenem Most, wie bei unserem Urlaub in Italien zur Weinernte. Mirabellen an den Bäumen und Äpfel. Viele Äpfel. Knallrote, gelbe, grüne. Harte Äpfel, saure und süße. Wie wunderbar, so etwas wieder zu schmecken.

Rote Äpfel an einem Apfelbaum
Äpfel am Wegesrand

Für den Rückweg lade ich meine Jackentaschen mit Äpfeln voll. Schließlich ist auch die Kapuze gefüllt. In der Dämmerung spazieren wir zurück und setzen Linsensuppe mit Würstchen auf den Herd.

Hof mit Scheunen hinter einer Wiese mit hohem Gras in der Abenddämmerung
Abendstimmung in der Senke bei Brzozowo

Als wir aus dem Fenster schauen, schimmert es draußen weiß: Die Senke, in der unsere Ranch liegt, füllt sich mit Nebel. Wir schnappen uns Kamera und Handy und stürzen hinaus, um uns das Schauspiel nicht entgehen zu lassen. Der Nebel verändert sich immer wieder: Hier liegt er wie ein Teppich, dort streift er wie Rauch an uns vorbei.

Es ist Herbst. Die Nacht kommt früh. Milli muss unten schlafen, die Leiter ist zu steil.

Als ich am nächsten Morgen hinunterkomme, springt sie fröhlich an mir hoch, und wir machen einen langen Spaziergang durch die nebligen, feuchten Wiesen. Später sehe ich, dass sie wohl in meinem Koffer geschlafen hat – alles ist voll von ihren Haaren. Das hätte ich gerne gesehen: wie sie sich in dem kleinen Bordkoffer auf meinen Sachen einrollt und ihre Nase in alle Ecken und Socken stupst.

An den Autokennzeichen sehen wir, dass ausnahmslos alle anderen Gäste hier Deutsche sind. Das war im Osten Polens anders. Es ist ja naheliegend, im besten Wortsinne, und zur Ostsee ist es auch nur eine halbe Stunde. Das werden wir auch noch machen, aber heute geht es erst einmal nach Massow.

Suche nach Bohnenstengels in Massow (Maszewo)

Auf der Autofahrt haben wir uns unterhalten, was das nun für eine Art von Reise sei: eine Spurensuche, die schon vom Wortklang her eine Akribie ausstrahlt, der wir nicht anheimfallen wollen? Puzzlestücke finden, die eine Geschichte vervollständigen, deren Lücken wir nicht kennen?

Massow zeigt sich als unaufgeregte Kleinstadt mit einem hübschen Marktplatz samt großer Kirche. Der Friedhof, auf dem wir noch Grabsteine zu finden hoffen, ist nicht an der Kirche, also fahren wir das Stück zum Kommunalfriedhof. Im Geschäft für Grabschmuck kann uns die Verkäuferin auch nicht sagen, ob es noch alte deutsche Gräber gibt. Wir sollen auf die Wegweiser mit den Parzellen achten und online suchen. Online finden wir keine Hinweise auf die Familiennamen Bohnenstengel und Ücker.

Da Hunde nicht auf Friedhöfe dürfen – wie wir annehmen, gilt das auch in Polen –, muss ich mir mit Milli eine andere Beschäftigung suchen, während Moni die Grabreihen durchforstet. Ich streife durch die Gassen, gehe entlang der alten Stadtmauer und frage mich, wie es wohl vor 80 Jahren hier ausgesehen haben mag. Einige Neubauten sozialistischer Baukunst finden sich, genauso wie alte Stadthäuser und einfache einstöckige Gebäude.

Die Stadt fühlt sich fremd und zugleich vertraut an. Sie erinnert uns an Templin, das uns ebenfalls vertraut ist und in dem man sich doch auch als Fremder fühlt.

Der Anruf von Moni schafft Klarheit: keine Bohnenstengels in Massow. Ich hole sie am Friedhof ab, und wir beschließen, an der Ausfallstraße nach dem Hof zu suchen, auf dem Lisbeth Bohnenstengel, eine geborene Ücker, lebte und Monis Mutter geboren wurde, bevor die Familie wie viele andere zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor der Roten Armee floh. Zwei Fotos helfen uns, und tatsächlich finden wir ihn: im zweiten Anlauf, als wir einer spontanen Eingebung folgend eine Stichstraße nehmen. An ihrem Ende liegt eine Gruppe von Häusern – das ehemalige Hofanwesen der Familie Ücker.

Einfach so zu klingeln, kommt uns nicht in den Sinn. Wir haben gar keinen Plan, außer den Hof zu finden. Und so bleibt es dabei, dass Moni ein paar Fotos macht. Zudem liegt das Hofgelände abseits und ist von einer Mauer und einem Tor verschlossen, was uns noch mehr das Gefühl gibt, Eindringlinge zu sein. Also machen wir bald wieder kehrt.

Eine Familiengeschichte von Flucht

Moni sagte mir immer, die Flucht ihrer Mutter und Großmutter sei eine typische Flüchtlingsgeschichte, an der nichts Besonderes zu finden sei und die sich millionenfach abgespielt habe.

Am nächsten Morgen reden wir darüber, was es nun für sie bedeutet, das Wohnhaus gefunden zu haben. Seit ich sie kenne, ist sie eine Leseratte. Unter ihren Büchern finden sich viele Geschichten von Flucht und Vertreibung. Und doch hat es lange gedauert, bis sie sich aufmachte, der Flüchtlingsgeschichte der eigenen Mutter und Großmutter nachzugehen. Wir sind diesen Sommer zehn Stunden bis ans östliche Ende Polens gefahren, aber für die kurze Fahrt nach Massow, von Berlin kaum weiter entfernt als Usedom, musste sie bis heute warten.

Wie es sich anfühlt, seine Heimat verlassen zu müssen, kann ich nicht nachfühlen. Meine Fantasie ist wohl in der Lage, zu den Geschichten passende Bilder hervorzurufen: den Leiterwagen mit Proviant, an den sie Autoreifen montiert hatten; Lisbeth und ihre zwei Geschwister mit ihren Kindern; und Lisbeths Vater, der sich heimlich davonstahl und zurück auf seinen Hof wanderte, wo ihn seine polnischen Hilfskräfte vor der Roten Armee versteckten. Viele Bilder habe ich im Kopf, aber nachfühlen kann ich nicht, was es wirklich bedeutet, so etwas zu erleben. Meine Familie ist frei von Flüchtlingserzählungen.

Was ich mir aber gut vorstellen kann, ist, wie schwierig es ist, augenscheinlich einfache Vorhaben umzusetzen, wie den Besuch eines Hauses in Pommern. Weil es eben keine millionenfach beschriebene Flüchtlingsgeschichte ist, sondern ein persönliches Familienschicksal.

Wir reden darüber, was es bedeutet, diesen Schritt zu gehen und dieses Gut nun aufzusuchen. Dass man nicht weiß, was man damit ins Rollen bringt, welche Geister der Vergangenheit man damit weckt. Die Flucht der Familie Ücker aus Massow endete in Gülzow in Vorpommern. Zehn Jahre später, Mitte der 50er-Jahre, verließ Lisbeths Tochter die DDR und ging nach Nordrhein-Westfalen.

Als die Mauer fiel, fuhren Moni und ich einige Male nach Gülzow und besuchten ihre Oma Lisbeth in ihrem kleinen Haus mit einem Garten und einem Klohäuschen. Das Angebot, nach Nordrhein-Westfalen zu ziehen, schlug sie stets aus. Trotz all der Entbehrungen wollte sie Pommern und ihre Geschwister nie verlassen.

Ostsee: Cammin, Pobierowo und Niechorze

Nach dem Besuch des Gutes Ücker wollen wir ans Meer fahren. Die Ostseestrände sind nur eine halbe Stunde entfernt. Das eigentliche Thema unserer Reise – Monis Familienherkunft nachzuspüren – bringt es mit sich, dass wir recht unvorbereitet zu den polnischen Seebädern aufbrechen.

Ein frischer Wind weht Blätter über die Promenade von Kamień Pomorski, auf Deutsch Cammin, einer kleinen Stadt am Camminer Bodden (Zalew Kamieński). Ein Kurort soll es sein, wovon wir nicht viel mitbekommen. Der Hafen ist groß und mit Dutzenden, wenn nicht Hunderten Booten belegt. Wir finden ein Café am Hafen, wo wir Kaffee und Kuchen bekommen. Der Kaffee ist leider kalt und der Kuchen trocken.

Richtig wohl fühlen wir uns hier nicht, wenngleich Kamień Pomorski mit seinen Kirchenbauten und den wuchtigen Wehrmauern einige Sehenswürdigkeiten bietet. Und so sitzen wir nach dem enttäuschenden Kaffee bald wieder im Auto, fahren die letzten Kilometer nach Norden zur Ostsee und erreichen Dziwnówek. Dann halten wir uns weiter ostwärts. Die Straße führt uns durch das bewaldete Hinterland nach Pobierowo, auf Deutsch Poberow, wo wir das Auto parken und zum Strand gehen.

Milli, die mittlerweile etwas behäbiger geworden ist, explodiert geradezu vor Freude, schleudert den Sand in die Luft, dreht Pirouetten und rast unermüdlich hin und her.

Wir sitzen im warmen Sand. Moni wird mir später sagen, wie sehr sie es genossen hat, nach der Beschäftigung mit Familie und Flucht den Wind und den Sand zu spüren und andere Eindrücke willkommen zu heißen.

„Jetzt ist es Zeit für Fritten“, meint Moni, als wir überlegen, wie wir den Rest des Tages verbringen. Das passende Lokal hat sie auch gefunden: in Niechorze, auf Deutsch Horst.

Wir parken in der Nähe des Lokals. Ich bekomme ein riesiges Stück Heilbutt, das mir allein reicht; die Fritten brauche ich gar nicht. Moni bekommt gleich ein ganzes Tablett mit frittiertem Zeug, das sie mit Mühe zur Hälfte schafft.

Der Strand reicht bis nahe an die Straßen heran und ist ebenso weit und fein. Zur Freude unserer Kameras liegen große Kutter am Strand, die wir aus allen Winkeln porträtieren.

Auch hier ist die Saison zu Ende. Cafés und Geschäfte haben die Rollläden unten, und auch die Parkgebühren entfallen.

Ein letzter Stopp gebührt noch dem Leuchtturm von Niechorze, dann fahren wir zurück.

Leuchtturm von Niechorze mit Fahnen und Laterne im Vordergrund
Der Leuchtturm von Niechorze

Wolin und der Türkissee

Jede Reise hat einen letzten Tag. Wir entscheiden uns, ihn in der Stadt Wolin und ihrer Umgebung zu verbringen. Gerade einmal 15 Minuten brauchen wir auf der S3. Die Landschaft ist hier flach, durchzogen von Stromleitungen und Windrädern. Wir parken am mächtigen historischen Getreidespeicher, der am Fluss Dziwna (Dievenow) liegt, der die Insel Wolin vom Festland trennt.

Wir gehen auf dem Gelände herum; der Speicher ist verwaist, außen stehen ein paar Autos und kleine Kutter liegen vertäut. Nun wollen wir ins Stadtzentrum. Am großen Platz liegen das Rathaus und das Museum. Davor wartet eine Gruppe Schüler, die uns auf Ansage ihrer Lehrerin alle einen guten Tag wünschen. Laut einer großen Infotafel am Platz ließ die Wehrmacht auf Befehl Hitlers die alte, traditionsreiche Stadt zerstören – verbrannte Erde wollte man dem Gegner hinterlassen. Von dieser Vernichtung scheint sich Wolin nicht erholt zu haben. Ein Zentrum fehlt, Freiflächen und die sozialistischen Bauten der 70er-Jahre dominieren das Bild. Ein trauriger Anblick.

Jenseits der Dziwna sind die Hütten des Wikingerdorfes zu erkennen, das weithin bekannt ist und auf archäologische Funde zurückgeht. Den Besuch sparen wir aus, ein Fußweg führt nicht hinüber. Wir machen kehrt und fahren zum Türkissee, dem Jezioro Turkusowe, zehn Minuten südlich gelegen.

Strohgedeckte Hütten des Wikingerdorfs am Ufer der Dziwna
Das Wikingerdorf auf der anderen Flussseite

Den Parkplatz finden wir schnell, zwei lange Touristen-Bimmelbahnen stehen dort. Der Parkwächter verlangt 32 Złoty für Parkplatz und Eintritt. Nun, eigentlich wollten wir ja nur einen Blick auf den See werfen, aber wenn wir schon gezahlt haben, müssen wir es auch ausnutzen und machen die kleine Wanderung um den See herum. „Sieht ja eher wie eine Kiesgrube aus“, meint Moni, und das zerklüftete Gelände erinnere an die Glindower Alpen bei Werder, ein durch den Tagebau entstandenes Gebiet. Mit beidem hat sie recht, wie ich jetzt nachlese: Der See und die Landschaft sind durch Bergbau entstanden. Eigentlich kann man den See nur an zwei Stellen schön überblicken: vom Parkplatz aus und vom Rastplatz an der sandigen Steilwand. Aber eine beeindruckende Schnitzerei finden wir am Wegesrand, und der Waldweg ist schön und abwechslungsreich.

Man kann durch den Wald noch weiter nach Lubin laufen, es sind nur ein paar Kilometer. Wir machen aber die Umrundung komplett und gehen zurück zum Parkplatz. Vielleicht gibt es ein schönes Café am Haff in Lubin?

Lubin ist eine Siedlung, die oberhalb des Haffs liegt und von einem Aussichtspunkt aus einen schönen Blick bieten soll. Der ist aber eintrittspflichtig. Wir begnügen uns mit dem kostenlosen Ausblick. Es fängt an zu nieseln. Kaffee und Kuchen scheint es weit und breit nicht zu geben, außer in Międzyzdroje, auf Deutsch Misdroy, an der Ostsee.

Moni möchte sowieso noch einmal ans Meer. Ich möchte mir eigentlich die Inszenierung dieses weithin bekannten Urlaubstheaters ersparen.

Wir steuern das Café Vienna an. Ein verheißungsvoller Name. Hölzerne weiße Veranden am Strand, gemütliche Omasessel im Wintergarten – das wäre schön. Kaffee und Kuchen sind tatsächlich super, aber wir sitzen am Parkplatz der Bimmelbahnen im Erdgeschoss eines mehrstöckigen, großen Hotelkomplexes.

Ich kann mir vorstellen, dass viele die Bequemlichkeit eines Hotels, die Beautyangebote und die vielen Restaurants schätzen werden, aber das sind andere Urlaube als die, die wir machen. Wir gehen noch kurz zum Strand, aber der Nieselregen und eine Nachmittagsmüdigkeit halten uns davon ab, eine längere Strecke zu laufen.

Anstatt uns in ein frisch gemachtes Bett im zehnten Stock zu legen, fahren wir zurück in unsere Hütte, die nach dem Rauch des Holzofens und dem alten Ledersofa riecht. Feuer muss ich heute nicht machen, es ist milder als gedacht. In der Dämmerung gehen wir noch einmal los, den Weg in die pommersche Landschaft zu den Apfelbäumen, und laden Rucksack und Tragetasche voll.

Dann muss Moni unsere Hündin Milli eine halbe Stunde von Zecken befreien, während ich Zwiebeln, Knoblauch und polnische Würste kleinschnipple und eine Art italienisch-polnisches Spaghetti-Wurstgulasch koche.

Wie an den anderen Tagen sprechen wir über die Erlebnisse des Tages, und über die Geister der Vergangenheit, über Lisbeth Bohnenstengel, die DDR, über Monis Mutter, mit der sie während unseres Aufenthalts täglich telefonierte, und die den Hof nie wieder besuchte, weil sie ihn so in Erinnerung behalten wollte, wie sie ihn erlebt hat.