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Ricoh Caplio GX100

31.5.2026 · Kamera

Ricoh Caplio GX100

Der japanische Elektronikhersteller Ricoh hat ja kürzlich die neueste Version seiner Kompaktkamera mit APS-C-Sensor und fest eingebautem, umgerechnetem 28-mm-Objektiv herausgebracht: die Ricoh GR IV. Die Kamera wird ziemlich gefeiert — wohl auch, weil Ricoh sich getraut hat, zusätzlich eine reine Monochrom-Variante anzukündigen beziehungsweise bereitzustellen. Da juckt es einen schon in den Fingern. Aber ich bin mit Kameras bestens versorgt.

Die neue GR IV ist eine Kamera der Gegenwart, aber sie öffnete bei mir eine alte Schublade. Darin liegt eine Ricoh, die keine GR ist und doch etwas von demselben Geist besitzt: die Caplio GX100. Keine Festbrennweite, kein APS-C-Sensor, kein heutiger Mythos — sondern ein kleiner CCD-Apparat mit Zoom, 24 Millimetern Anfangsbrennweite und einigen Dingen, die für das ambitionierte Fotografieren interessant sind.

Eine Kamera für New York

Als ich im November 2009 nach New York reiste, war ich auf der Suche nach einer kompakten Digitalkamera mit einem 24er-Weitwinkel. Ich hatte zwar die Canon 20D APS-C-DSLR, doch für Weitwinkelaufnahmen hätte ich zusätzlich zum Standardzoom noch ein Weitwinkelzoom mitschleppen müssen.

Für mich war es die erste Überseereise, und dabei wollte ich weder viel schleppen müssen noch mit großen Gerätschaften Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Also eine Kompaktkamera Weitwinkel, damit ich in den Häuserschluchten etwas vom Spirit der Stadt auffangen konnte. Heutzutage ist jedes bessere Smartphone mit weiten Winkeln ausgestattet, aber seinerzeit war das deutlich komplizierter. Viele Kompaktkameras hatten bestenfalls ein 28-mm-Weitwinkel. Heute klingt ein 24er-Weitwinkel nicht mehr aufregend. Damals war es bei Kompaktkameras aber noch eine Ausnahme. Ich entschied mich für die Ricoh GX100, die mit ihrem umgerechnet 24–72-mm-Objektiv unten herum genügend weit war. Außerdem schien sie sehr kompakt, und in Bezug auf die Bildqualität schnitt sie in den Reviews gut ab.

CCD-Sensor im 4:3 Format

Der Sensor der Kamera ist ziemlich klein: ein 1/1,75-Zoll-CCD mit rund 10 Megapixeln. Bei dieser Pixeldichte rauscht es schnell. So schnell, dass man den ISO-Bereich schon bei 1600 kappte. Damals war das ein Problem; heute kann ich die Fotos mit einem Klick in Lightroom entrauschen. Erst beim erneuten Bearbeiten merkte ich, wie alt diese Dateien auch softwareseitig sind. Lightroom öffnet sie zunächst mit einer alten Prozessversion; stellt man sie um, erscheinen die heutigen Regler für Lichter und Tiefen. Nur darf man keine Wunder erwarten. Der Spielraum für Anpassungen ist sehr klein, wie der Sensor selbst. Doch immerhin speichert die Kamera Bilder im RAW-Format, genauer gesagt als DNG. Die alten CCD-Sensoren haben ja ihre Anhänger; den Fotos wird oft ein organischeres Verhalten nachgesagt. Ich finde, die Farben sind angenehm, aber eine Religion würde ich nicht darauf gründen.

Zu beachten ist allerdings, dass die Kamera - wie damals bei den Kompakten üblich - ein 4:3 Format hat. Etwas näher am Quadrat als das 2:3 Kleinbild Format

Schöne, natürliche Farben: Central Park

Available Light und Aufhellblitz

In New York lieferte die Kamera sehr gut ab. Ich war im November dort, also an kurzen Tagen mit wenig Licht, wodurch die Verschlusszeiten schnell lang wurden. 1600 ISO limitieren, immerhin hat die Kamera einen simplen Stabilisator, aber Wunder darf man nicht erwarten.

Wir waren zu Halloween in New York, und mit Available Light war da nicht viel zu holen. Manche Bilder haben gerade wegen ihrer Verwischungen wieder ihren ganz eigenen Reiz bekommen — ich hatte Mitzieher in der Bewegung der Menschen versucht. In anderen Situationen schaltete ich den kleinen Aufhellblitz ein. Bis ungefähr zwei Meter hat er die Szenerie ganz gut ausgeleuchtet.

Auch hier gilt: Eine professionellere Kamera hätte Fotos mit einer anderen Atmosphäre aufgenommen. Als ich die Fotos damals ansah, empfand ich sie als technisch misslungen. Heute sehe ich das anders. Ich habe vorhin den Podcast von Michel Birnbacher mit Stefan Czurda angehört. Stefan Czurda macht vorwiegend unscharfe Bilder — nicht als Fehler, sondern als ästhetische Entscheidung.

In unserer digital übersättigten Welt haben solche Fotos ihren eigenen Reiz. Und auch meine damals verschmähten New-York-Fotos finde ich nun gut. Vielleicht ist das der eigentliche Gewinn alter Digitalkameras: Man sieht nicht nur die alten Bilder wieder, sondern auch die alten Maßstäbe. Damals wollte ich Schärfe, HDR, Pixelpeeping. Heute sehe ich in manchen verwischten Bildern eher Bewegung, Geräusch, Gedränge. Also etwas, das viel näher an New York liegt als ein technisch perfektes Foto.

Lange Verschlusszeiten schaffen Bewegung
Halloween: Monster und wandernde Nachtschränke

Handling

Die Kamera war als Werkzeug für Fotoenthusiasten gedacht, mit Möglichkeiten zur manuellen Einstellung. In dem begrenzten Rahmen, den die Kamera einem bietet, funktioniert das auch ganz gut. Hierfür gibt es eine kleine Wipptaste — in der Bedienungsanleitung heißt sie „ADJ.-Taste“. Drückt man darauf, kann man per Links- oder Rechtswippe zwischen Belichtungskorrektur, ISO, Weißabgleich und Bracketing wählen. Die konkrete Justierung erfolgt dann mit dem zentralen Einstellrädchen vor dem Auslöser. Ich habe meistens im Programmautomatik Modus gearbeitet, aber es gibt noch einen vollautomatischen Modus und weitere:

  • P: Programmautomatik mit Program Shift
  • A: Blendenvorwahl / Zeitautomatik
  • M: manuelle Belichtung
  • SCENE: Motivprogramme Außerdem gibt es Custom Settings und einen FN-Button.

Schlafmützchen

Die Kamera ist ziemlich schnell aufnahmebereit. Einmal kurz auf den On-Knopf gedrückt, und das Objektiv fährt aus, das Bild erscheint auf dem Display. Aber es dauert eine kleine Ewigkeit, bis das Foto dann gespeichert ist. Ich weiß nicht, woran es liegt, ob an der Speicherkarte oder dem Stabilisator. Man gewöhnt sich dran. Heute finde ich es charmant, damals hatte ich mich doch etwas darüber geärgert. Aber es hat auch etwas Gutes: Man knipst nicht auf Verdacht einfach ein paar Fotos nacheinander, sondern fotografiert bewusster.

Zoom

Die Bedienung des Zooms nervt leider. Die kleine Zoom-Wipptaste lässt sich nicht kontrolliert einsetzen; der Zoommotor springt etwas verzögert an, wodurch man nicht genau den Ausschnitt trifft, den man haben will. Das macht die Fuji X30 viel besser — sie hat einen mechanischen Drehring am Objektiv, der sich sehr fein steuern lässt. Ich hätte am liebsten eine Kompaktkamera mit 24er-Festbrennweite gehabt, denn der Preis, den man zahlt, ist hoch: schlechte Lichtstärke und schwächere Bildqualität.

Eigentlich machen mir Festbrennweiten mehr Spaß, weil sie mich lehren, in einer Perspektive zu denken. Ich habe in Lightroom nachgeschaut: Fast alle Bilder sind bei 24 mm entstanden. Das Zoom hab ich nicht gebraucht. Aber eine Kompaktkamera mit 24mm festverbautem Objektiv hätte wohl nicht viele Käufer gefunden.

Kein Sucher

Die Ricoh GX100 hat keinen Sucher integriert, sondern nur optional als Zubehör — was sie aber wieder weniger taschentauglich macht. Aber das Display ist ziemlich hell. Eigentlich hasse ich das Fotografieren mit dem Smartphone besonders, weil mir der Sucher fehlt. Erst mit dem Sucher bin ich nah dran am Motiv. Mit der Ricoh hat es aber dennoch ganz gut geklappt, die Ausschnitte stimmen beziehungsweise die Ausrichtung. Ich denke, das liegt daran, dass sie so gut in der Hand liegt.

Hosentaschentauglich

Die Kamera ist wirklich sehr klein und passt in jede Jackentasche. Die Fuji X100 ist dagegen riesig. Die GX100 hat einen kleinen Griffwulst, wodurch sie sich sehr gut halten lässt. Ich glaube, so etwas gibt es auch bei der GR-Serie: diese kleine, unscheinbare Ausformung, die aus einem flachen Kästchen doch ein Werkzeug macht.

Was bleibt?

Die GX100 ist heute keine Kamera mehr, die man aus Vernunft benutzt. Jedes Smartphone ist schneller, sauberer, heller, rechnet besser und ist ohnehin dabei. Aber gerade deshalb ist die GX100 interessant. Man muss sich entscheiden, warten, manchmal scheitern. Und manchmal ist genau dieses Scheitern näher an der Erinnerung als das technisch bessere Bild.

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