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Ein Vierteljahrhundert mit der Leica M6

Eine Leica muss man sich verdienen. Nicht nur finanziell.

14.8.2026 · Kamera

So viele Kameras habe ich bereits auf meiner Webseite porträtiert. Doch eine fehlte bislang, ausgerechnet diejenige, die ich ganz besonders schätze: meine Leica M6 TTL.

Als ich im Jahr 2000, vor mehr als einem Vierteljahrhundert, das Fotogeschäft Wüstefeldt in Berlin betrat und mit einer neuen Leica M6 wieder verließ, war dies kein Impulskauf. Es war die langersehnte Erfüllung eines Begehrens. Es war die Belohnung für mehrere Jahre Arbeit und wenig freie Wochenenden. Und der Kaufakt war natürlich auch die Erlösung von dem quälenden Ringen mit der Entscheidung, sich wirklich eine solch teure Kamera anzuschaffen.

Mit der Kamera erwarb ich das 35 mm f/2 ASPH. und dazu ein gebrauchtes Summilux 50 mm f/1.4.

Nach heutigen Maßstäben war ich ganz schön naiv, als ich mir diese Kamera anschaffte; so wenig, wie ich über sie wusste, so wenige Meinungen kursierten im Vergleich zu heute über die Kamera. Vielleicht war aber auch das gut so, denn so konnte ich meine eigenen Erfahrungen machen.

Kaufentscheidung

Ich wollte eine konsequent simple Kamera, gerade zu einer Zeit, in der die analogen Spitzenmodelle immer mehr Autofokus, Programme und Automatik boten und gleichzeitig die ersten Digitalkameras auf den Markt drängten. Jedes neue Modell war im Folgejahr schon veraltet. Die M6 wirkte dagegen schon damals wie eine Konstruktion aus einer anderen Zeit. Genau das gefiel mir. Ich wollte eine Kamera, die so einfach und antiquiert war, dass sie eigentlich nicht mehr altern konnte.

Aber muss es wirklich diese Kamera sein? Was ist so besonders an einer Leica M6, dass man bereit ist, dafür ein Vielfaches dessen auszugeben, was andere Kameras mit ähnlichen Möglichkeiten kosten? Alternativen gab es schließlich. Voigtländer hatte begonnen, wieder Messsucherkameras zu bauen, und auch die Konica Hexar RF war eine ernsthafte Alternative. Beide Modelle sind heute übrigens selbst gesuchte Kameras. Die vernünftige Frage lautete also: Kaufe ich die teure Leica, obwohl sie am Ende keine grundsätzlich anderen Fotos macht als ein preiswerteres Modell? Oder entscheide ich mich für die günstigere Alternative und denke jedes Mal, wenn ich sie in die Hand nehme: Tja, ist halt keine Leica?

Ich ebnete den Weg zur Leica, indem ich zunächst die Voigtländer Bessa L kaufte. Sie wurde damals zusammen mit dem hervorragenden Super-Wide-Heliar 15 mm zu einem so guten Preis angeboten, dass die Kamera quasi umsonst dazukam – was auch ungefähr zu ihr passte: Im Grunde war sie nur ein Kasten mit Belichtungsmesser und Aufstecksucher. Das 15 mm samt Sucher wiederum würde später eine hervorragende Ergänzung zur Leica sein.

Mit der Bessa L und dem 15 mm fuhr ich ins Tessin und fotografierte dort eine ganze Reise ausschließlich mit diesem extremen Weitwinkel. Das war eine tolle Erfahrung, und als die Fotos aus dem Labor zurückkamen, war die Entscheidung gefallen. Kurz darauf kaufte ich die M6.

Wenn Kameras Juwelen sind

Für mich war der Erwerb der Leica M6 die Erfüllung einer lang gehegten Sehnsucht. Aber nachdem ich die Kamera gekauft hatte, lag sie erst einmal in der Ecke. Ich traute mich nicht, sie zu benutzen, aus Respekt vor ihrem finanziellen Wert. Das ist das Risiko, wenn man sich so etwas anschafft: Man leidet nicht nur beim Kauf, sondern auch hinterher.

Die Lässigkeit im Umgang musste ich mir erst erarbeiten. Für ein Jahr hatte ich sogar eine sauteure Kameraversicherung abgeschlossen. Eigentlich unnötig, so vorsichtig, wie ich im Umgang mit ihr war. Heute hat sie ihre Gebrauchsspuren und ist tatsächlich „meine“ Kamera.

Die falsche Kamera?

Die Entscheidung für genau diesen Kameratyp war allerdings ziemlich blauäugig. Informationsquellen waren seinerzeit keine Videos, sondern Zeitschriften. Als mir der Verkäufer im Geschäft zeigte, wie man einen Film lädt, dachte ich mir nur: Oha, ganz schön fummelig.

Ein anderes Manko bemerkte ich erst bei der Benutzung: Als Brillenträger kann ich den Ausschnitt für das 35 mm nicht komplett überblicken.

Tja, das sind eben genau die Unzulänglichkeiten, die man mit einer veralteten Kamerakonstruktion bekommt – eigentlich genau das, was ich gesucht hatte, oder etwa nicht?

Manuelles Scharfstellen mit dem Messsucher

Überhaupt kein Problem hatte und habe ich damit, mit dem Messsucher scharfzustellen. Eine Einschränkung gibt es allerdings: Das Motiv muss sich beim Scharfstellen im Zentrum befinden. Beim nachträglichen Verschwenken dreht sich auch die Schärfeebene, wodurch das Motiv möglicherweise unscharf wird.

Das eigentliche Problem zeigte sich für mich aber in anderen Situationen.

Als ich Vater wurde, hörte der Spaß auf

Als ich Vater wurde, hörte der Spaß mit der Kamera auf. Bewegte Motive im Nahbereich mit Messsucher – das hat bei mir nicht funktioniert. Es gibt bestimmt Leute, die hier widersprechen und das gut hinbekommen. Ich zähle nicht dazu.

Also packte ich meine Spiegelreflex, die Asahi Pentax ME Super, wieder aus. Die hat zwar ebenfalls eine manuelle Scharfstellung, lässt sich aber mit der Mattscheibe in solchen Situationen besser fokussieren. Und, oh ja: Es ist irgendwie auch cool, im Sucher das ganze Bild zu sehen. Tja, die Leica M6 ist keine Kamera für alles.

Eine Kamera für Reisen und Reportage

Ich habe die Leica M6 schließlich dort eingesetzt, wo es für mich problemlos funktioniert: auf Reisen, bei Menschen, beim Stadtbummel – pardon, das heißt ja jetzt Streetfotografie. Am liebsten fotografiere ich mit dem 35 mm, auch wenn ich dort als Brillenträger den Sucher nicht vollständig überblicken kann. Mit dem 35 mm bin ich nah am Geschehen oder Teil des Geschehens.

Wenn ich mir heute die Bilder anschaue, die ich mit der Leica gemacht habe, sind es genau solche Fotos, die ich grundsätzlich mit Leica-Fotografie verbinde: Sie zeigen die Wertschätzung des Lebens in seinen Facetten und lassen dich als Betrachter teilhaben. Mit einer anderen Kamera hätte ich diese Fotos allerdings genauso machen können.

Vielleicht ist das Besondere an den Leica-Fotos auch nur, dass sie homogener sind, in dem Sinne, dass sich keine Nahaufnahmen, Teleaufnahmen und ähnliche fotografische Ausflüge darunter befinden. Die Beschränkung der Kamera bestimmt damit auch den Charakter der Bilder.

Den fotografischen Moment erleben

In dem Jahr, als ich die M6 erwarb, bin ich für ein paar Wochen nach Italien, in den Mugello, gefahren. Die Dias von dieser Reise habe ich inzwischen gescannt und freue mich sehr über die Eindrücke, die sie aufgezeichnet haben. Und ich erinnere mich an die Momente, als ich fotografierte. An das wunderbare Gefühl, eine besondere Szene, einen besonderen Augenblick festgehalten zu haben.

Schärfe, Blende und Zeit sind nur ein paar Parameter, die flink eingestellt sind und über die man nicht weiter nachdenkt. Mit dem simplen Sucher ist man Teil der Welt. Ich schaue nicht auf ein Abbild des Geschehens. Wenn man nur ein Bild machen kann und will und durch den Sucher der M6 auf die Welt schaut, widmet man diesem einen Moment die ganze Aufmerksamkeit – bis die Entscheidung fällt, auszulösen.

Ich habe oft darüber nachgedacht, warum ich den Fotos meiner Leica so viel Wertschätzung entgegenbringe. Ich glaube, es liegt genau daran: Der fotografische Moment wurde intensiver erlebt und wird deshalb auch intensiver erinnert.

Ein Vierteljahrhundert mit der Leica M6

Ich habe die Kamera fünf Jahre sehr intensiv genutzt, bevor ich mir eine DSLR anschaffte, und dann kamen weitere Kameras dazu. Die M6 kam immer wieder zum Einsatz, aber nicht mehr regelmäßig. Die Kamera funktioniert immer noch prima. Die Scharfstellung ist justiert, die Belichtung passt.

Ein paar Dinge haben die Jahre allerdings hinterlassen.

  • Die Abdeckkappe hat sich an einer Seite der Kamera gelöst – ein kleines Plastikteil, das das Gehäuse vor Schrammen durch den Gurt bewahren soll. Befestigt wird diese Kappe von innen mit einer Schraube. Durch das Loch im Gehäuse, das dadurch frei liegt, fällt Licht ins Innere. Es hat lange gedauert, bis ich die Ursache der Lightleaks gefunden habe. Ich habe einfach etwas schwarzes Tape daraufgeklebt, damit ist das Problem gelöst.
  • Die Zeitangaben auf dem Zeitenrad sind aufgedruckt und im Laufe der Zeit etwas abgerubbelt. Ich kann sie noch erkennen, aber schöner wäre natürlich eine eingeätzte, widerstandsfähige Version gewesen. Der Body ist aus Vollmetall, aber beim Zeitenrad wurde gespart. Ts ts …
  • Ebenfalls aus Plastik ist ein kleines bewegliches Stück am Verschlussaufzugshebel. Das ist okay, das Ende „wedelt“, und man kommt so mit dem Daumen leicht darunter. Aber es schleift etwas auf der Kameraoberseite und legt dort silbernes Metall frei.

Der Wiederverkaufswert wird durch diese Alterserscheinungen bestimmt verringert. Aber das juckt mich nicht. Ich will sie nicht verkaufen.

Zubehör zur Leica M6

Es zählt sicherlich nicht zu den besten Charaktereigenschaften, wenn man sich weniger Zeit zum Fotografieren nimmt, als sich um Zubehör zu kümmern. Da das Zubehör von Leica unverschämt teuer ist, hielt es sich zum Glück in Grenzen. Und ein paar Dinge fanden dann doch den Weg zu mir.

Das versenkbare Elmar 50 mm f/2,8

50 mm haben an der Leica M6 den Vorteil, dass ich die Leuchtrahmen als Brillenträger gut einblicken kann. Da mein 50 mm f/1,4 offenblendig ziemlich weich ist und das versenkbare Elmar verhältnismäßig preiswert war, schaffte ich es mir an.

Das Objektiv lässt sich fast vollständig im Gehäuse der Kamera versenken, wodurch diese noch einmal kompakter wird. So kompakt, dass sie in eine kleine, speziell dafür gefertigte Tasche passt.

Diese Tasche hat eine Schlaufe, sodass man sie am Gürtel befestigen kann. Aber auch mit dem Elmar ist die Kamera schwer, so schwer, dass sie am Gürtel ziemlich nach unten zerrt. Die Tasche taugt also eher als Transportschutz.

Das kleine Elmar aber ist prima und meinem größeren f/1.4 ebenbürtig. Und auch eine Blende von 2,8 kann im Porträtbereich ein schönes Bokeh erzeugen.

Der Blitz SF20

Ja, richtig – ich habe ja die TTL-Version. Ist mir irgendwann aufgefallen.

Mit einem passenden Gerät kann die Kamera die Belichtung des Blitzes steuern. Ich habe mir den Blitz SF20 unter spöttischen Blicken des Verkäufers angeschafft:

„Ein Blitz an einer Leica geht ja nun mal gar nicht!“

Der SF20 ragt ziemlich weit nach oben heraus und soll so die roten Augen verhindern. Dafür gibt es etwas mehr Schatten unter der Nase. Benutzt habe ich ihn sehr selten, und die Fotos habe ich fast alle aussortiert. Vielleicht sollte ich ihn mal wieder benutzen. Die Blitzästhetik der Fotos bricht mit den heutigen Sehgewohnheiten und kann ganz spannend sein.

Der Objektivhalter

Was ich nicht bereut habe, ist der Kauf des Objektivhalters.

Man schraubt ihn an die Unterseite und bekommt in der Mitte ein leeres Bajonett, an das man ein zweites Objektiv ansetzen kann. So hat man eine zweite Linse dabei. Sinn macht das für kompakte Objektive; ein 90 mm f/2 bringt zu viel Eigengewicht mit.

Interessanterweise stört mich die Konstruktion beim Handling der Kamera weniger, als es sich vermuten lässt.

Der Handgriff

Ich habe mir auch den kleinen Handgriff gekauft, der der Kamera an der rechten Seite einen kleinen Griffwulst verschafft.

Der sorgt zwar tatsächlich für mehr Halt, ist aber überflüssig. Er macht die Kamera etwas größer und schwerer. Ich nutze ihn eigentlich nur, um die Anschaffung zu rechtfertigen.

Billingham for Leica

Was ich ebenfalls nicht bereue, ist der Kauf der kleinen schwarzen Tasche von Billingham, die speziell für die M gebaut wurde.

Es ist Platz für zwei Objektive und die Kamera mit einem dritten Objektiv. Die Kamera liegt dabei mit der Nase nach unten griffbereit in der Tasche.

Ganz besonders gefällt mir das große Frontfach, in dem ich auch eine Brille und anderes unterbekomme.

Die Bereitschaftstasche

Relativ schnell nach dem Erwerb der Kamera hatte ich mir die Bereitschaftstasche besorgt. Tolles Leder, super Schutz.

Allerdings sind Tasche und Kamera zusammen dann wieder ein größeres Paket. Nachdem ich mir die Billingham gekauft hatte, habe ich die Bereitschaftstasche nicht mehr oft benutzt.

Meine Leica M6 heute

Heute verwende ich die M6 nur selten.

Das hat mehrere Gründe. Der wichtigste ist: Ich habe eine Sammlung analoger Fotoapparate übernommen und eine Menge zum Ausprobieren. Im Zweifel nehme ich eine Kamera, die ich nicht kenne, und mache mit ihr Fotos.

Der andere Grund: Ich habe eine Leica M11, also eine digitale M. Der Weg von der M6 zur M11 ist Thema für einen anderen Blogpost. Aber in aller Kürze lautet mein Resümee zur M6: Messsucherfotografie ist eine wunderbare Art zu fotografieren, wenn man nicht liefern muss. Dasselbe gilt für die Analogfotografie. Die M6 vereint beides.

Eine Leica muss man sich verdienen

Kommen wir zurück zu dem Punkt, dass man sich eine M verdienen muss.

Ja, man muss das Geld für sie verdienen. Ich kann nur für mich urteilen, aber im Gegensatz zu vielen anderen Anschaffungen ist eine Leica M wirklich schweineteuer – und das muss man aushalten können.

Man muss lernen, dass auch diese Kamera nur mittelmäßige Fotos macht, wenn man mittelmäßige Motive knipst. Man muss das schlechte Gewissen verlieren, eine andere Kamera zu benutzen, obwohl die vermeintlich tollste Kamera der Welt im Regal steht.

Und man muss akzeptieren, dass eine Leica M am Ende nichts anderes ist als eine ausgesprochen befriedigende Art, unter Einwurf sehr vieler Münzen Fotos zu machen.

Dann entstehen Fotos, an die man sich vielleicht anders erinnert, weil schon der Akt des Fotografierens etwas Besonderes ist. Und die vielleicht tatsächlich ein wenig anders wirken, weil sich in ihnen etwas von der Neugier und der Freude wiederfindet, mit der man die Welt beim Fotografieren betrachtet hat.

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