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Backpacking Kykladen 1987

Mit Rucksack, Schlafsack und Tagebuch allein von Insel zu Insel – lange vor Handy und Buchungsplattform.

15.9.2026 · Griechenland · Kykladen

Als mich im August eine Freundin fragte, ob ich sie mit dem Auto nach Griechenland begleiten und mich beim Fahren mit ihr abwechseln würde, sagte ich nach einigem Hin und Her zu. Sie wollte ihren griechischen Freund auf Euböa besuchen und die gut 2.400 Kilometer möglichst in einem Stück durchfahren. Ich hatte gerade mein Vordiplom in Mathematik in der Tasche und noch ein paar Wochen Zeit bis zum Beginn des Hauptstudiums.

Ich glaube, wir waren etwas mehr als 30 Stunden unterwegs, unterbrochen nur von Tankstopps. Für ein solches Unternehmen war ich allerdings denkbar ungeeignet: Ich gehöre nicht zu den Menschen, die überall schlafen können, und bekam während meiner Fahrpausen kaum die notwendige Erholung.

Euböa, Limni

Auf Euböa verbrachte ich dann ein paar Tage bei der Familie ihres Freundes, in einem kleinen Haus in Limni an der nordwestlichen Küste. Ihr Freund holte uns ab und fuhr mit irrsinnigem Tempo eine schottrige Küstenstraße entlang. Als ich mich anschnallen wollte, sagte er nur: „Brauchst du nicht. Wir sind in Griechenland.“ Und drückte zur Verdeutlichung das Gaspedal ganz durch.

Die Familie war herzlich, ihr Haus lag an einer Straße, die auf das Meer zuführte. Manchmal saßen sie vor dem Haus, eine kräftige Mutter, und der Vater schenkte Schnaps aus. Etwas irritierend fand ich, dass die Bewohner ihren Müll zum Hafen trugen und ins Meer kippten. Bereitwillig räumten sie mir in ihrem kleinen Haus einen Platz zum Schlafen frei, doch eigentlich war ich hier fehl am Platz. Englisch sprach kaum jemand, geschweige denn Deutsch, und so sehr sie sich auch kümmerten und mich mitnahmen ins Restaurant, so saß ich dort doch nur daneben, verstand kein Wort und stocherte in meinem Essen.

Aber ich wollte ja auch keinen Urlaub auf Euböa machen. Ich wollte die Kykladen kennenlernen, mit dem Rucksack von Insel zu Insel. Das war seinerzeit ein anderes Reisen: ohne ständige Verbindung nach Hause, ohne Buchungsplattform, Handy oder Sprach-App. Ohne konkrete Vorstellung davon, was mich erwarten würde.

Wir verabredeten lose, dass ich mich in drei Wochen melden würde, um uns für die Rückfahrt zu verabreden. Ich schnappte mir meinen Second-Hand-Bundeswehrrucksack mit Schlafsack, Isomatte, Kamera und dem obligatorischen Michael-Müller-Reiseführer, setzte mich in einen Bus und fuhr nach Athen/Piräus. In Athen verbrachte ich noch zwei Nächte, schlenderte durch die Straßen und besuchte den Fleischmarkt. Dann nahm ich die Fähre nach Naxos.

Markthalle in Athen, 1987
Markthalle in Athen, 1987
Parikia auf Paros, vom Fährdeck aus
Parikia auf Paros, vom Fährdeck aus

Naxos

Geld hatte ich nicht viel, und ich wusste auch nicht, wie viel Reserve ich noch brauchen würde, also entschied ich mich, am Strand zu schlafen: Wertsachen in den Schlafsack, Rucksack als Kissen. Leider war die Nacht nicht wirklich gemütlich, denn das Strand- und Nachtleben ging bis in den Morgengrauen. Erwähnte ich schon, dass ich nicht überall gut schlafen kann? Die nächste Nacht suchte ich mir dann ein Rooftop – einige Häuser boten an, auf den Dächern zu schlafen. Letztlich war das auch nicht viel besser. Man hatte zwar keinen Sand, der in alle Sachen kroch, aber der Boden war hart, und der Straßen- und Nachtlärm war hier mindestens genauso laut.

Naxos-Stadt, die Chora über dem Hafen
Naxos-Stadt, die Chora über dem Hafen
Abenddämmerung am Hafen
Abenddämmerung am Hafen

Als Solo-Backpacker traf man recht oft Gleichgesinnte, aber Naxos passte da nicht für mich. Bei meinen Rucksack-Trips durch Italien hatte ich das eine oder andere Mal einfach im Park oder am Bahnhof geschlafen. Dort traf man schnell andere, tauschte sich über Routen und Ziele aus, gab Tipps weiter oder verabredete sich für den Folgetag. Die Orte waren überschaubar genug, dass man sich über den Weg lief.

Auf Naxos dagegen war der Schlafplatz am Strand eher ein Zuschauen als ein Dazugehören. Anschluss fand ich nicht, und die Insel interessierte mich auch nicht sonderlich. Ich glaube, der Strand war einfach zu groß, als dass sich dort von selbst eine Rucksack-Gemeinschaft bilden konnte.

Ich besuchte das Tor von Naxos; für weitere Erkundungen der Umgebung fehlten mir schlicht Informationen. Also saß ich bald wieder am Hafen, die staubigen Füße in der stechenden Sonne, den Sand in allen Sachen, im Kreuz das Gepäck, mein ebenso staubiger ständiger Begleiter.

Die Portara, das Tor von Naxos
Die Portara, das Tor von Naxos

Santorini

Die nächste Station Santorini war dagegen ein Erlebnis. Ein märchenhafter Ort mit den Häusern auf dem Kraterrand, den steilen Stufen und der fantastischen Aussicht auf die kleinen Inseln inmitten der Caldera, dem wassergefüllten Krater. Die Unterkünfte in Thira, dem spektakulären Hauptort, waren für mich unbezahlbar, also übernachtete ich am schwarzen Lavastrand von Kamari. Tagsüber brannte die heiße Septembersonne, und die Gassen füllten sich mit den Tagestouristen der Kreuzfahrtschiffe. Aber wenn die Dämmerung kam, wandelte sich der Ort. Eines meiner schönsten Fotos entstand bei einem Abendspaziergang durch die Gassen.

Weiße Häuser am Kraterrand von Santorini
Weiße Häuser am Kraterrand von Santorini
Abendspaziergang auf Santorini, 1987
Abendspaziergang auf Santorini, 1987

In meinem Tagebuch versuchte ich festzuhalten, wie Santorini nachts auf mich wirkte: Abends im Mondschein, 300 Meter senkrecht über dem Meer, sehen die Wellen aus wie die sich immer wandelnden Runzeln eines Greises. Dann wütet plötzlich der kalte Nachtwind in den Haaren und fegt Sand und Staub in Augen und Nase, bis er im Schweigen erstirbt, für einen Moment wartet, bevor er wieder losbricht.

Thira im Mondschein, hoch über der Caldera
Thira im Mondschein, hoch über der Caldera

So schön die Blicke auf Santorini auch waren, mich störte die herausgeputzte Kulisse. Ich wollte das, was ich damals für das wahre Leben hielt: raus aus dem Kommerz, eigene Erfahrungen machen. Reisen hieß für mich nicht, sich die Dinge servieren zu lassen. Die Bräune sollte vom Erkunden kommen, nicht vom Liegen am Strand, und die Geschichten, die man nach Hause brachte, sollten selbst erlebt sein und keine Weisheiten aus dritter Hand. Zwischen den sonnenbebrillten, eingeölten Flaneuren in den Gassen von Thira war ich ein Streuner, ein Vagabund, und wollte auch keiner von ihnen sein. Die Freiheit, die ich suchte, gab es hier nicht.

Amorgos

Über Ios erreichte ich schließlich Amorgos, die damals noch eher stille und unbekannte Insel. Ein Jahr später kam Le Grand Bleu / The Big Blue heraus, der zum Teil auf Amorgos gedreht worden war. Amorgos war mir schon auf den Fähren empfohlen worden, und ich meine, auch im Reiseführer gelesen zu haben, dass sie eine der unberührteren Kykladeninseln sei.

Die Fährüberfahrt war nicht nur ein Transportmittel. Auf Deck wurde gegrillt, und während der ganzen Fahrt zog der Duft von gebratenem Souvlaki in die Nase. Die Inseln liegen teilweise so nah beieinander, dass es immer etwas zu sehen gab. Seinen Rucksack packte man einfach zu den anderen an Deck. Auf der Fahrt nach Amorgos erfuhr ich dann auch, dass man für wenig Geld bei Laki in Ägiali unterkommen könne – damals offenbar eine Adresse für Backpacker.

Das lange und gebogene Amorgos hatte – und hat, glaube ich, noch immer – zwei Zentren: Katapola im Süden und den noch stilleren Norden mit dem Hafenort Ägiali. Dort bezog ich bei Laki ein Kämmerchen.

Ein winziger Raum, ein Bett. Aber abschließbar! Endlich konnte ich meinen Kram mal liegenlassen und musste ihn nicht die ganze Zeit mit mir herumschleppen. Zum Strand hin gab es einen kleinen Bistrobereich.

Wenn ich schwimmen ging, ließ ich meine Brille und den anderen Kram einfach in meiner Kammer. Bei plus sechs Dioptrien geht ohne Brille kaum was; das Meer kann ich natürlich erkennen, aber Texte lesen geht nicht. Seit mir ein paar Jahre zuvor bei einem Backpackertrip durch die Cinque Terre ein Italiener einfach über mein Handtuch und meine Brille gelatscht war, bin ich vorsichtig geworden und hüte meine Brille wie meine Augen.

Wie auch immer, Schnorcheln geht auch ohne Brille. Einmal sah ich ein riesiges Quallenungeheuer mit langen Nesselfäden auf mich zukommen und nahm Reißaus. Das war aber nichts gegen mein anderes Abenteuer: Ich schnorchelte die Küste entlang und sah einen etwa zwei Meter langen und einen Meter hohen grauen Felsen am Ufer liegen. Als ich vor ihm war, hob ihn eine Welle hoch und er drehte sich – ein toter, aufgedunsener Esel. Den fürchterlichen Gestank habe ich immer noch in der Nase. Ich machte einen Satz nach hinten, bevor der Kadaver sich auf mich wälzte, und schwamm panisch zurück.

Diesen Abschnitt der Küste mied ich fortan. Mit ein paar anderen Touristen – Pardon, Backpackern; als Backpacker machte man da einen Unterschied – kam ich auf Amorgos ins Gespräch. Manch einer sprach angeblich fließend Griechisch und behauptete, dass es kinderleicht sei. Fließend kam bei mir vor allem das „Thelo ena paketo cigara Marlboro, kje mia bukali Nero, krio“ aus dem Munde.

Manchmal trabte ich am Strand entlang nach Ägiali, setzte mich in die kleine Taverne, trank ein, zwei Ouzo, las, schrieb und schaute auf das Meer. In meinem Tagebuch wurde es dabei gelegentlich etwas poetischer: Ich ließ die Sonne vor mir im Meer ertrinken und die Wellen das Gold zu mir tragen.

Ein anderes Mal fuhr ich mit ein paar anderen Jungs mit dem Bus hinauf in den nächsten Ort, wo es ebenfalls eine Taverne gab. Wir saßen zusammen und tranken Retsina, der mich schnell aus den Latschen hob. Später öffnete sich die Tür, und ein alter Grieche kam mit seiner Eselin herein, verlangte ein paar Schnapsgläser und molk das Tier. Die Gläser gab er uns, und unter großem Gelächter der anderen Griechen kippten wir die warme Milch in unsere Retsinabäuche. Es folgten weitere Schnäpse; wie ich den Weg wieder hinunterschaffte, weiß ich nicht mehr.

Tagsüber machte ich Spaziergänge und kleine Wanderungen. Oder ich saß am Strand und hörte der Brandung zu. Dem Herzschlag der Meere, eine Welle die nächste gebärend, seelenverwandt und doch nie gleich.

Dreschplatz oberhalb der Schlucht von Mikri Vlychada, Amorgos
Dreschplatz oberhalb der Schlucht von Mikri Vlychada, Amorgos
Die Schlucht von Mikri Vlychada öffnet sich zum Meer
Die Schlucht von Mikri Vlychada öffnet sich zum Meer

Abends zog ich mich zeitig zurück und schrieb Tagebuch. Darin landeten nicht nur die Erlebnisse des Tages, sondern zunehmend auch die Gespräche, die man mit sich selbst führt, wenn sonst niemand da ist. Das Wetter war schon im Umschwung. Als es für ein paar Tage kühler wurde, ging meine Laune schnell in den Keller. Warme Sachen hatte ich nicht dabei, und in dem kleinen Kämmerlein ohne Fenster war es wie in einer Zelle.

Nach zehn Tagen waren die Pfade gewandert, die Sonnenuntergänge gesehen, die Geschichten geschrieben – und das Geld wurde knapper.

Meine Travellerschecks nutzten mir hier nichts – es gab keine Bank. Geld hatte ich also noch, nur kam ich nicht heran. Ich musste mit dem wenigen Bargeld haushalten, das mir geblieben war. Es war Zeit für die Heimkehr.

Die Fahrpläne hingen am Hafen an einem kleinen Häuschen; die nächste Fähre würde erst in ein paar Tagen gehen. Als der letzte Abend nahte, rief ich in Limni an und sagte, dass ich in ein bis zwei Tagen zurück sei. Als ich schließlich dort ankam, wurde ich geboxt und heftig ausgeschimpft, weil ich mich zwischendurch nicht gemeldet hatte. So ganz unverbindlich war die Verabredung wohl doch nicht gewesen.

Man wähnte mich auf dem Grund der Ägäis.