Welche analoge Leica M sollte man sich anschaffen - die M3 oder die M6?

Unter den analogen Leica M Kameras gelten die Leica M3 und die Leica M6 als die bedeutendsten klassischen Modelle.

Die M3 war die erste M Kamera, und die M6 die letzte mechanische M, bevor Leica die M7 mit elektronischer Zeitsteuerung und danach die anachronistisch rückgebauten Modelle M-A und MP herausbrachte.

Beide Kameras wurden in hohen Stückzahlen gefertigt und sind auf dem Gebrauchtmarkt beliebt - worin unterscheiden sie sich?

Leica M3 (vorne), Leica M6 (hinten)
Leica M3 (vorne), Leica M6 (hinten)
Fotografiert mit: X-T2 50.0mm (≙ 75mm Vollformat); f7.1; 1/250 sec; ISO 640

M3 - die erste M

Als die Leica M3 erschien, hatte Leica schon eine Menge Erfahrungen mit dem Bau von Messucherkameras, die Vorgängermodelle hatten als Objektivanschluss ein Schraubgewinde (und werden deswegen Schraubleicas genannt). Die Leica M3 brachte gleich mehrere Neuerungen:

  • Ein Sucher mit eingespiegeltem Messucher (bei Schraubleicas hat man zwei Sucher: einen für den Ausschnitt, einen für die Scharfstellung)
  • Drei Objektivrahmen sind im Sucher eingespiegelt (bei den Schraubleicas sind keine Rahmen eingespiegelt - der winzige Sucher zeigt einen 50mm Ausschnitt)
  • ein zentrales Zeitenrad mit kurzen und langen Verschlusszeiten (Bei den Schraubleicas gibt es für die langen zeiten ein extra Einstellrad)

Also eine Menge Vorteile, wobei die M3 auch deutlich größer und schwerer als eine Schraubleica ist. Eine Schraubleica mit versenktem Objektiv passt tatsächlich in die Hosentasche.

Ein Urahn: die Schraubleica Leica IIIf
Ein Urahn: die Schraubleica Leica IIIf
Fotografiert mit: X-T2 50.0mm (≙ 75mm Vollformat); f11; 1/250 sec; ISO 640

Größenvergleich: Vorne Schraubleica IIIf, hinten die Leica M3
Größenvergleich: Vorne Schraubleica IIIf, hinten die Leica M3
Fotografiert mit: X-T2 50.0mm (≙ 75mm Vollformat); f13; 1/250 sec; ISO 640

Baujahr

Die M3 wurde 1954 - 1966 gebaut, die M6 von 1984 - 1998, die M6TTL von 1998-2002.

M3 Kameras sind also mindestens 56 Jahre alt, eine M6 eventuell nur 20. Beide Kameras lassen sich heutzutage immer noch gut reparieren ( mit Ausnahme der Elektronik für die Belichtungsmessung der M6, auf die jedoch im Zweifelsfall gut verzichtet werden kann.)

Belichtungsmessung

Die Leica M6 besitzt eine mittenbetonte Belichtungsmessung; hierzu wird das vom Messfleck auf dem Verschlussvorhang reflektierte Licht gemessen.

Im Sucher befindet sich eine Lichtwaage mit zwei LEDs, diese leuchten, wenn der Auslöser angetippt wird. Schöner wäre ein Verfahren mit Kelle und Zeiger, denn darüber würde man sofort erkennen, um wieviel sich der eingestellte Lichtwert vom Sollwert unterscheidet.

Die M3 hat keinen eingebauten Belichtungsmesser, allerdings wurde zu der M3 der separat ansetzbare Belichtungsmesser Leicameter angeboten. Dieser wird auf den Blitzschuh aufgeschoben und hakt sich in das Zeitenrad ein, die Zeit wird dann am Belichtungsmesser eingestellt.

Leica M3 mit aufgesetztem Leicameter
Leica M3 mit aufgesetztem Leicameter
Fotografiert mit: X-T2 50.0mm (≙ 75mm Vollformat); f13; 1/250 sec; ISO 640

Leica M3 mit aufgesetztem Leicameter
Leica M3 mit aufgesetztem Leicameter
Fotografiert mit: X-T2 50.0mm (≙ 75mm Vollformat); f13; 1/250 sec; ISO 640

Die Belichtungsmessung mit dem M3 Leicameter ist ziemlich unkomfortabel im Vergleich zur M6: der aufgesetzte Belichtungsmesser macht die M3 klobig, und zum Einstellen der zur Beleuchtung passenden Blende und Verschlusszeit muss die Kamera vom Auge genommen werden, damit man dann von oben auf die Anzeige des Belichtungsmessers schauen kann. Und man braucht die Wein Cell Ersatzbatterien, da die quecksilberhaltigen PX625 nicht mehr hergestellt werden (dürfen).

Ich verwende an der M3 lieber einen separaten Belichtungsmesser wie den Gossen Digisix.

Leica M Sucher

Die M3 heißt M3, weil im Sucher die Rahmen für 3 Brennweiten eingespiegelt werden können: 50, 90 und 135 mm.

Und bei der M6 sind es 6 Brennweiten, die jeweils paarweise angezeigt werden:

  • 28 und 90mm
  • 35 und 135mm
  • 50 und 75mm

Je nach angesetztem Objektiv schalten sich die Rahmen automatisch um, bei der M3 und M6 können außerdem über einen Bildfeldwähler genannten Hebel die jeweils anderen Rahmen (bei der M6: Rahmenpaare) angezeigt werden - hierdurch lässt sich vor dem Objektivwechsel prüfen, welche Brennweite für das Motiv geeignet ist.

Der Sucher der M3 wird von vielen als der bessere Sucher bezeichnet - die Rahmenvielfalt des M6 kann nerven, außerdem hat der M3 Sucher eine 0,91 fache Vergrößerung, der Sucher der M6 eine 0,72 fache (es gibt bei der M6 auch Varianten mit 0,85 und 0,58). Bei der M3 ist somit auch das Mischbild-Fenster größer, was die Scharfstellung erleichtert.

Aber - wer ein 35 oder 28mm Weitwinkel an der M3 nutzen will, hat Pech. Er braucht einen separaten Aufstecksucher, und das macht das fotografieren umständdlicher - erst Schärfe durch den Messsucher festlegen, dann den Ausschnitt mit dem Aufstecksucher.

Last but not least - der M6 Sucher ist etwas streulichtempfindlicher.

Selbstauslöser

Die M3 hat einen Selbstauslöser, die M6 nicht. Dort wo bei der M3 der Selbstauslöser sitzt, ist bei der M6 das Batteriefach.

Rückspulkurbel

Die M6 hat eine ausklappbare Rückspulkurbel, die M3 einen ausziebahren drehbaren Zylinder. Ich hatte mit der M6 die Hochzeit meines Bruders fotografiert, da war ich froh, den Filmwechsel schnell erledigen zu können. Aber sooo gewaltig ist der Geschwindigkeitsgewinn auch nicht: da der Drehylinder der M3 einen kleinen Durchmesser hat, lässt er sich zwischen Daumen und Zeigefinger entsprechend schnell rotieren.

Leine M3 (links), leica M6 (rechts)
Leine M3 (links), leica M6 (rechts)
Fotografiert mit: X-T2 50.0mm (≙ 75mm Vollformat); f7.1; 1/250 sec; ISO 640

Blitz TTL

Die M6 TTL kann im Gegensatz zur „normalen“ M6 Blitz-TTL Messung machen. Zusammen mit dem SF20 Blitzgerät klappt das ganz gut - aber mit einer Leica M blitzen macht man wohl nur in Ausnahmesituationen (wie zum Beispiel bei der Hochzeit des Bruders).

Naheinstellgrenze

Der Entfernungsmesser der M3 kann nur bis 1m messen, der Entfernungsmesser der M6 dagegen reicht bis 0,7m.

Objektivkompatibilität

20 Jahre hab ich eine M6 gehabt, und immer geglaubt, das alle Objektive an alle Kameras passen. Und als ich dann eine M3 mit einem Nahsummicron in die Hände bekam, musste ich feststellen, dass dieses Objektiv zusammen mit der passenden Sucherbrille nicht an die M6 passt!

Das Nahsummicron 50mm 2,0 kann nämlich eine Brille aufgesetzt bekommen, wodurch man bis 0,5m nah fokussieren kann. Die Brille enthält optische Elemente, welche die Strahlengänge von Sucher und Mischbildsystem entsprechend umlenken; ist die Brille auf das Objektiv aufgeschoben, wird der Nah-Fokussierbeich im Objektiv freigeschaltet (pfiffige Konstruktion).

Leica M3 mit Nah-Summicron und (abgesetzter) Brille
Leica M3 mit Nah-Summicron und (abgesetzter) Brille
Fotografiert mit: X-T2 50.0mm (≙ 75mm Vollformat); f7.1; 1/250 sec; ISO 640

Leica M3 mit Nah-Summicron und (aufgesetzter) Brille
Leica M3 mit Nah-Summicron und (aufgesetzter) Brille
Fotografiert mit: X-T2 50.0mm (≙ 75mm Vollformat); f13; 1/250 sec; ISO 640

Leider hat diese Brille einen kleinen Stift, der bei der M3 genau im Freiraum an der Stufe der Kopfplatte sitzt, in der höher gebauten M6TTL passt das nicht. Kann sein, dass man das Problem mit der regulären M6 nicht hat, denn diese ist 2mm niedriger…

Höhenvergleich: Die M6 TTL (links) ist höher als die M3 (rechts)
Höhenvergleich: Die M6 TTL (links) ist höher als die M3 (rechts)
Fotografiert mit: X-T2 50.0mm (≙ 75mm Vollformat); f7.1; 1/250 sec; ISO 640

Und mein schönes 35mm Weitwinkel, welches ich zusammen mit der M6 erworben habe, kann ich zwar an der M3 ansetzen, sehe aber nicht den passenden Rahmen im Sucher. Ich hatte gehofft, in die zwei Bodies Farbe und Schwarz Weiß zu laden, und dann nach Bedarf das jeweils passende Objektiv zu nehmen. Das klappt nicht ohne weiteres - das Nahsummicron gent nicht an die M6TTL, das 35mm braucht an der M3 einen Extra Sucher (den ich nicht hab).

Links: Leica M3 mit Heliar 15mm und Aufstecksucher. Rechts: Leica M6 mit 35mm.
Links: Leica M3 mit Heliar 15mm und Aufstecksucher. Rechts: Leica M6 mit 35mm.
Fotografiert mit: X-T2 50.0mm (≙ 75mm Vollformat); f13; 1/250 sec; ISO 640

Immerhin kann ich das Voigtländer Heliar 15mm an beiden Kameras nutzen, denn für dieses Objektiv hab ich einen Aufstecksucher.

Batterien

M3 und M6 haben mechanische Verschlüsse und brauchen zum Auslösen keine Batterien. Der Belichtungsmesser der M6 braucht eine 3V CR 1 3/N - oder 2 Stück SR44.

Zeitenrad

Das Zeitenrad der M6 ist größer und lässt sich mit dem Zeigefinger einfach bedienen - auch wenn das Auge am Sucher ist.

Das Zeitenrad der M3 ist etwas kleiner. Da man eh einen separaten Belichtungsmesser braucht, stört es nicht dass man die Kamera vom Auge nimmt und mit zwei Fingern die Zeit einstellt. An der dagegen M6 würde mich das kleine der M3 Zeitenrad nerven…

Auf der M6 sind die Verschlusszeiten auf das Zeitenrad aufgedruckt und rubbeln sich bei meiner Kamera mittlerweile ab. Bei der M3 sind die Zeiten geprägt und somit vermutlich etwas beständiger.

Filmtransporthebel

Der Spannhebel der M3 ist ein Stück blankes Metall, solide, unkaputtbar. Bei der M6 hat man ein kleines Gelenk mit einem Plastikende eingesetzt, dadurch kann der Daumen leichter unter den Hebel rutschen. Das ist ergonomisch, aber nährt den Verdacht dass das kleine Plastikstückchen schneller den Geist aufgibt als der M3 Hebel.

Ältere Modelle der M3 benötigen zwei Aufzüge, um den Film zu transportieren und den Verschluss zu spannen (double stroke), jüngere Modelle kommen mit einem aus (single stroke).

Filmwechsel

Das Grundprinzip ist bei der Leica M3 und der Leica M6 gleich - man entfernt die Bodenplatte und klappt die Rückwand hoch. Das Filmeinlegen der Leica M3 ist etwas komplizierter als bei der Leica M6: Man muss den Film zunächst in die Spule einfädeln, und schiebt dann Patrone und Spule in die Kamera.

Bei der Leica M6 kann man die Spule nicht herausnehmen, man schiebt die Patrone in die Kamera und führt dann den Filmanfang in die (fest verbaute) geschlitzte Spule.

Filmeinlegen: Links die Leica M3, rechts die Leica M6
Filmeinlegen: Links die Leica M3, rechts die Leica M6
Fotografiert mit: X-T2 50.0mm (≙ 75mm Vollformat); f13; 1/250 sec; ISO 640

Design

Beide Kameras sind wahre Schmuckstücke, aber die M3 in silbern ist eine Diva.

Vergleichsübersicht

——– Leica 3 Leica M6
Baujahr Bis 1964 Bis 2002
Belichtungsmessung - Lichtwaage / mittenbetont
eingespiegelte Rahmen 50, 90, 135 28, 35, 50, 75, 90, 135
Suchervergrößerung 0,91 0,72, Varianten 0,58 und 0,85
Sucher klar & übersichtlich (zu) viele Rahmen, streulichtempflindlich
Selbstauslöser Ja Nein
Rückspulsystem Drehzylinder Rückspulkurbel
Filmtransport Souble stroke oder single stroke single stroke
Naheinstellgrenze 1m 0,7m
Objektivkompatibilität unter 50mm wird Aufstecksucher benötigt Nahsummicron passt nicht an M6 TTL (*)
Zeitenrad klein griffig

(*) Es gibt evt weitere Inkompatiobilitäten

Empfehlung

Wenn 50mm und länger deine Brennweite ist und du nicht auf Geschwindigkeit Wert legst, ist die M3 die bessere Kamera, weil besserer Sucher. Die Kombination M3, 50mm Nahsummicron und 90mm Portraitbrennweite macht viel Freude.

Die M6 dagegen ist vielseitiger und mit dem integrierten Belichtungsmesser auch unproblematischer. Die M6 TTL ist jünger und in Kombination mit dem passenden Blitz sinnvoll. Wobei man heute vermutlich noch weniger mit einer Leica M blitzen wird als man es seinerzeit schon machte.

Fotografiert mit: X-T2 50.0mm (≙ 75mm Vollformat); f7.1; 1/250 sec; ISO 640

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