Dunkelkammer Cheat-Sheet: Rodinal + FP4 im Paterson-Tank
Ausgangslage
Während ich früher bei der Negativentwicklung und der anschließenden Vergrößerung zuverlässig gute und stabile Ergebnisse erzielt habe, überzeugen mich die Resultate heute – insbesondere nach dem Scannen – nicht mehr. Die Probleme zeigen sich immer wieder in ähnlicher Form:
- flau wirkende Negative
- zu grobes, unruhiges Korn
- Staub, Schmutz und Wasserflecken auf dem Film
Die eigentliche Herausforderung liegt in der Vielzahl an Einflussfaktoren. Temperatur von Entwickler und Wasser, Art und Verdünnung des Entwicklers, Entwicklungszeit und Alter der Stammlösung, die Belichtungscharakteristik der verwendeten Kamera, die jeweilige Lichtsituation – und damit ist der Prozess noch längst nicht abgeschlossen. Spätestens beim Scannen kommen weitere Variablen hinzu: Scannertechnik, Software, Profile und Nachbearbeitung beeinflussen das Ergebnis ebenso stark wie die Dunkelkammerarbeit selbst.
Ziel: Reproduzierbarkeit
Um dieser Komplexität Herr zu werden, ist ein systematischer, reproduzierbarer Workflow entscheidend. Erst wenn identische Bedingungen zu identischen Ergebnissen führen – auch wenn diese zunächst noch nicht perfekt sind – lassen sich gezielt Stellschrauben drehen.
Mein aktueller Standardprozess ist bewusst einfach gehalten:
- Film: Ilford FP4 Plus
- Entwickler: Rodinal 1+50
- Temperatur: 20 °C
- Tank: Paterson, Kipp-Agitation
Agitation: – erste Minute kontinuierlich kippen – danach jede Minute 10 Sekunden kippen
Anschließend:
- Stoppbad: ca. 1 Minute
- Fixieren: Adofix 1+4, 4 Minuten
- Wässern: nach der Ilford-Methode
Wässerung nach Ilford
Ich wässere nicht unter fließendem Wasser, sondern im Tank durch mehrfachen Wasserwechsel:
- 5 Sekunden kippen → Wasser wechseln
- 10 Sekunden kippen → Wasser wechseln
- 20 Sekunden kippen → Wasser wechseln
- 20 Sekunden kippen → fertig
Zum Abschluss fülle ich destilliertes Wasser mit Netzmittel in den Tank. Nach etwa einer Minute wird der Film entnommen und aufgehängt.
Erste Optimierungen
Mit diesem reproduzierbaren Ablauf wurden die Ergebnisse bereits deutlich besser. Das Massive Dev Chart empfiehlt für FP4 in Rodinal 1+50 bei 20 °C eine Entwicklungszeit von 15 Minuten – bei mir ergab das noch leicht zu flache Negative. Mit 16 Minuten passt der Kontrast deutlich besser.
Auch die Agitation in der ersten Minute habe ich angepasst. Häufig wird empfohlen, nur die ersten 30 Sekunden zu kippen. Da nach dem Einfüllen des Entwicklers jedoch noch der Deckel aufgesetzt werden muss, vergeht ohnehin etwas Zeit. Ich kippe daher ab dem Moment, in dem der Tank geschlossen ist, kontinuierlich bis zum Ende der ersten Minute.
Ein weiterer kritischer Punkt war die Temperatur. Mit dem Cinestill-Thermometer heize ich nun ein Wasserbad exakt auf 20 °C auf und entnehme daraus sowohl das Wasser für den Entwickler als auch für das spätere Wässern. Das sorgt für deutlich stabilere Ergebnisse.
Weitere Fehlerquellen
Im Laufe der Zeit habe ich mehrere konkrete Probleme identifizieren und beheben können:
-
Unzuverlässige Agitation: Zunächst habe ich mit dem Drehstab gearbeitet. Dieser ist jedoch nicht besonders reproduzierbar und kann lokale Entwicklungsunterschiede verursachen. Seitdem ich konsequent kippe, sind die Ergebnisse gleichmäßiger.
-
Alter Fixierer: Der verwendete Fixierer zeigte Ausfällungen, die sich auf den Negativen ablagerten. Diese Rückstände saßen nicht nur auf dem Film, sondern auch in der Flasche selbst und ließen sich durch einen frischen Ansatz nicht beseitigen. Erst der Austausch des Fixierers und der Flasche brachte Abhilfe.
-
Staub auf dem Film: Nasser Film ist ein Staubmagnet. Ich hänge die Negative inzwischen im Gäste-WC auf. Der Raum ist klein, fensterlos und zugfrei – wenig Fläche bedeutet wenig Staub. Nach etwa einer Stunde ist der Film angetrocknet, nach zwei Stunden vollständig trocken. In dieser Zeit bleibt das Gäste-WC allerdings gesperrt.
Verdünnung 1+50 – was bedeutet das praktisch?
Für Rollfilm (und meist auch für Kleinbild) verwende ich 600 ml Arbeitslösung.
1+50 bedeutet: 12 ml Rodinal + 600 ml Wasser = 612 ml Gesamtmenge.
Es spielt keine Rolle, ob etwas mehr Entwicklerlösung im Tank ist – abgesehen von der Verschwendung. Ich arbeite grundsätzlich mit 600 ml, da die Umrechnung einfach ist und Messungenauigkeiten bei 12 ml deutlich geringer ins Gewicht fallen als bei nur 6 ml auf 300 ml Wasser.
Hinweis zur Notation: 1+50 bedeutet 1 Teil Konzentrat + 50 Teile Wasser = 51 Teile insgesamt. Die Schreibweise 1:50 kann missverständlich sein und wird gelegentlich als 1/50 interpretiert.
Ein Ansatz von 1+25 ist ebenfalls möglich. Die höhere Konzentration führt zu einer schnelleren, kräftigeren Entwicklung. Grundsätzlich wirkt eine längere Entwicklung bei stärkerer Verdünnung ausgleichender und erhält mehr Zeichnung in den Lichtern.
Agitation & Kontrast – warum das wichtig ist
Agitation bezeichnet das Durchmischen des Entwicklers durch Kippen (Inversion) des Tanks oder durch Rotation der Spule mit dem Paterson-Drehstab.
Die Entwicklungszeit hängt unter anderem davon ab, wie häufig und wie intensiv agitiert wird. Agitation ist entscheidend für gleichmäßige, reproduzierbare Ergebnisse, da sich der Entwickler an der Oberfläche der Emulsion lokal erschöpft und hemmende Nebenprodukte (z. B. Bromid) anreichern.
In stark belichteten Bereichen läuft die Entwicklung zunächst schneller, bremst jedoch ohne frischen Entwickler früher ab. In schwach belichteten Bereichen ist der Verbrauch geringer – dort wirkt diese Bremse weniger stark. Durch Agitation wird der Konzentrationsunterschied an der Grenzschicht der Emulsion ausgeglichen.
Nicht immer ist maximale Agitation erwünscht: Eine gewisse lokale Erschöpfung in den Lichtern kann genutzt werden, um deren Zeichnung zu erhalten. Das genaue Verhalten hängt vom Entwickler, vom Film und vom Kontrastumfang der Aufnahme ab.
Beim Paterson-Tank zeigt sich zudem ein konstruktionsbedingter Unterschied: Die Rotation der spiralförmigen Spule sorgt nicht für dieselbe Durchmischung wie das Kippen des gesamten Tanks. Beim Kippen fließt Entwickler aus der Spule heraus, mischt sich im Tankvolumen und strömt anschließend wieder zurück.
Insbesondere in der Spulenmitte kann es bei reiner Drehstab-Agitation zu geringerem Austausch kommen. Der kleinere Radius und die engen Kanäle begünstigen stabile Grenzschichten – das Risiko für lokale Erschöpfung und streifenartige Ungleichmäßigkeiten (Bromide Drag) steigt. Die Kipp-Methode erneuert den Entwickler im gesamten Tankvolumen und reduziert diese Effekte deutlich.
Der chemische Prozess – einfach erklärt
Mit einer analogen Kamera wird Licht eingefangen und im fotochemischen Prozess sichtbar gemacht. Das klingt zunächst esoterisch, ist aber erstaunlich nah an der Realität. Wer sich intensiver mit analoger Fotografie beschäftigt, profitiert davon, diesen Prozess zumindest auf Überblicksebene zu verstehen.
Bei der Belichtung treffen Photonen auf die lichtempfindliche Filmschicht. An winzigen Stellen entsteht dabei metallisches Silber – sogenannte Lichtkeime, die noch unsichtbar sind. Man spricht vom Latentbild.
In der Entwicklung werden diese Keime chemisch verstärkt: Der Entwickler wandelt bevorzugt an ihnen weiteres Silberhalogenid in sichtbares, schwarzes Silber um. Helle Motivstellen erzeugen mehr Keime und werden im Negativ dunkler, dunkle Motivstellen bleiben heller.
Beim Fixieren wird das verbliebene, nicht entwickelte Silberhalogenid in eine lösliche Form überführt und beim anschließenden Wässern vollständig ausgewaschen. Das metallische Silber bleibt in der Emulsion zurück – das ist das Bild.
Silberhalogenide sind dabei der Schlüssel des gesamten Prozesses:
- Sie liegen als Kristalle in Gelatine vor und ermöglichen definierte Elektronenfallen.
- Die Lichtkeime dienen als Startpunkte für das Wachstum des Silbers während der Entwicklung.
- Nicht entwickelte Kristalle lassen sich selektiv fixieren und auswaschen.
- Das entstandene metallische Silber ist lichtundurchlässig, chemisch stabil und dauerhaft haltbar.
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