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How to become a Spandauer

Als West-Berliner war Spandau für mich das Letzte: der Rand hinter dem Olympiastadion, das jwd. Über verlorene Freundschaften, Schubladen, Seepocken und überhaupt: „Guten Morgen!“

20.8.2026 Kategorien: Spandau , Daheim

Wie wird man eigentlich Spandauer? Geht das überhaupt?

Spandau ist wirklich das Letzte. Das Letzte, was man sieht, wenn man Berlin nach Westen verlässt. Im West-Berlin der 80er-Jahre war es auch das Letzte, wo man sein wollte. Als West-Berliner hatte man eher Spott als Interesse für Spandau.

Für einen Kreuzberger war Charlottenburg zu bürgerlich, Zehlendorf spießig, Wedding ein Prolet. Und Spandau? Spandau brauchte kein Attribut. Spandau war das Attribut.

Wenn West-Berlin eine Insel war, war Spandau eine Hallig. Vielleicht verirrte man sich mal nach Kladow oder in die Altstadt, wenn es sein musste. Das Olympiastadion war die Grenze, danach begann das Jott-weh-deh, das Janz weit draußen.

Vor 20 Jahren bin ich nach Staaken gezogen. Ich glaube, ich kannte vorher nicht einmal die Ortsteile Spandaus. Ich wusste, dass man die Heerstraße immer weiter rausfahren konnte und irgendwann nach Falkensee kam und dass die Flugzeuge des nahen Flughafens Tegel über den Kopf donnerten. Niemals werde ich in diese Ecke ziehen.

Ein Seegrundstück

2006 sind wir nach Staaken gezogen, in die Holländersiedlung. Da wohne ich immer noch. Unsere Kinder sind hier groß geworden. Ich bin hier älter geworden.

Die Holländersiedlung kannten wir sogar schon. Ein Jahr zuvor hatten wir uns dort eine Wohnung angeschaut. Niedrige Decken, kleine Zimmer, Flugzeuglärm. Niemals.

Diesmal war es eigentlich genauso, aber das Haus war besser geschnitten, am Ende einer Hausreihe und an einem kleinen Tümpel. Ein Seegrundstück sozusagen. Wir zogen aus dem Nebeneinander Moabits in ein Reihenhaus einer Spandauer Siedlung.

Natürlich hatten wir die Sorge, hier vielleicht unglücklich zu werden. Ob das Miteinander der Siedlung, in das wir uns nun integrieren würden, zu uns passt. Ob die Lebensläufe der Nachbarn genügend Gemeinsamkeiten mit unseren aufweisen. Oder ob wir uns erst unsere Kanten und Ecken abschmirgeln müssen, um in Spandau, Staaken, Holländersiedlung unseren Platz zu finden.

Spießer

Es ist wirklich nicht leicht, wenn man seinen Wohnort verlässt und woanders hinzieht, neue echte Freundschaften zu finden. Was dagegen ganz gut funktioniert, ist, bestehende Freundschaften zu verlieren. In den ersten Jahren waren Besuche unserer Freunde bei uns noch die Regel, irgendwann wurde es weniger und man verlor sich aus den Augen.

Das kann auch einfach an der Verlagerung ins Digitale liegen, die damals einsetzte, oder den Lebensphasen geschuldet sein, in denen man sich befindet. Die Kinder werden größer, der Arbeitsalltag fasst einen stärker an und das Bedürfnis nach Erholung wird größer als die Sehnsucht nach Treffen am Wochenende.

Für einige unserer Bekannten war der Umzug nach Spandau aber auch ein No-Go. Vielleicht offenbarten wir damit in deren Augen endlich unsere wahre Natur: dass wir Gartenzwerg-Spießer sind, die nicht über den Gartenzaun hinaus denken und blicken können.

Und natürlich steckte darin eine gewisse Ironie. Schließlich war ich selbst mit einem West-Berliner Denken groß geworden, in dem man Menschen ganz selbstverständlich nach ihrem Stadtteil in Schubladen packte. Nun wurde ich in eine gesetzt.

Menschen mögen

Was hat sich geändert, seit ich hier wohne? Ich habe gelernt, mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen und mich über das Leben zu unterhalten. Ich muss mich nicht mehr abgrenzen. Wenn, dann suche ich eher nach den Gemeinsamkeiten.

Ich habe Manfred kennengelernt, der mir von seiner Zeit als Tierpfleger im Zoo erzählte, von den Krokodilen in seiner Wohnung. Gabi, die nach dem Krieg als Jugendliche in den Blechhütten der Aufnahmelager ausharren musste und später als Altenpflegerin ihre Patienten zu Ausflügen nach Linum fuhr – wo die sich kein bisschen für das Kranichspektakel interessierten, sondern nur für die warme Stube mit den Kartoffelpuffern. Gespräche mit Handwerkern, Systemadministratoren, Malern, Vertrieblern, Professoren. Erzählungen aus Leben, die ich nicht gelebt habe, die aber nun meine Sicht auf die Welt prägen.

Ich habe Interesse an den Geschichten anderer Menschen, gerade weil sie völlig anders sind als meine eigenen.

Jedenfalls habe ich heute den Eindruck, in meiner Kreuzberger Herkunft mehr Menschen mit Scheuklappen kennengelernt zu haben als hier in Spandau. Ob das tatsächlich so ist oder ob sich vor allem mein Blick darauf verändert hat, weiß ich nicht. Möglicherweise beides.

Zwischen Stadt und Land

Spandau ist großartig für Familien und zum Leben, aber leider kulturell auch fürchterlich eintönig. Vielleicht kann man in Kreuzberg schneller sozial vereinsamen, aber hier in Spandau muss man schon aufpassen, dass man nicht kulturell verblödet.

Der Antrieb meiner Frau, in die Stadt hineinzufahren und sich kulturell aufzuladen, ist größer als meiner, muss ich zugeben. Ich habe eine sehr große Sehnsucht nach Natur und schlage mich dann lieber mit dem Rad oder zu Fuß in die Weiten des Havellands, als durch Ausstellungen oder Cafés in der Stadt zu pilgern. Wobei ich auch damals, als ich in der Stadt wohnte, die kulturellen Angebote nicht besonders häufig wahrgenommen habe.

Spandau ist für mich ein guter Ort zum Leben. Ein Lebensraum zwischen Grün und Stadt, nah an Berlin und nah am Umland. Staaken ist der Randbezirk des Randbezirks Spandau und fühlt sich dabei ein bisschen an wie eine Seepocke, die eigentlich loslassen und im Havelland leben will und sich trotzdem mit aller Kraft an Berlin festsaugt.

Das Leben in einer Siedlung

Die Holländersiedlung mit ihren vielleicht 100 Wohneinheiten wurde in den 80er-Jahren als eine Art Pippi-Langstrumpf-Dorf in der damals noch geteilten Stadt entworfen. Es soll sogar Reisebusse gegeben haben, die die kleine Siedlung direkt an der Mauer anschauen kamen.

Als wir hierherzogen, war das längst Geschichte. Wir fanden schnell gleichgesinnte Nachbarn, und schon im ersten Sommer gab es ein tolles Sommerfest auf dem großen Platz in der Mitte der Siedlung. Ein solches Fest hat es seitdem nicht mehr gegeben.

Der Spirit der Gemeinschaft ist etwas verflogen, aber auch wir haben uns verändert. Aus den kleinen Kindern, die rund um den Teich stolperten, sind junge Erwachsene geworden. Mit vielen Nachbarn sind wir, wenn nicht freundschaftlich, dann doch sehr zugewandt verbunden, und man hilft sich aus. Aber inzwischen lebt hier eine neue Generation junger Familien, und wir gehören zu den Älteren.

Immer wieder denken wir darüber nach, hier auch wegzuziehen. Kürzlich haben wir Nachbarn beim Packen getroffen. Sie ziehen in die Gartenstadt Staaken und machen einen Freudentanz. Nach 20 Jahren ziehen sie aus, mit viel Wehmut, aber auch mit großer Freude darüber, jetzt endlich wieder etwas anderes zu erleben.

Aus Spandau

Wenn mich heute jemand fragt, wo ich herkomme, dann sage ich lieber „aus Spandau“ oder „aus Staaken bei Berlin“ als „ich bin ein Berliner“. Ich lebe seit über 60 Jahren in dieser Stadt. Ich brauche nicht mehr mit Berlin zu kokettieren.

Wenn ich heute in die Stadt, nach Berlin-Mitte fahre, fühlt sich alles vertraut an, bis auf die Menschen. Das fehlende Interesse der Leute füreinander irritiert mich. In meinem kleinen Staaken kann ich Leute grüßen und werde zurückgegrüßt. Wenn ich im Prenzlauer Berg jemandem einen schönen Tag wünsche, werde ich angeschaut, als käme ich von einem fremden Planeten. Oder aus Spandau.

Bin ich damit nach 20 Jahren ein Spandauer geworden? Spandau ist der Stadtbezirk, in dem unsere Familie gewachsen ist. Spandau ist da, wo der Hausschlüssel passt.

Vielleicht werde ich mir mal ein I-❤-SPANDAU-Shirt kaufen und nach Kreuzberg fahren. Leute erschrecken gehen.

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