detmans world
Projekte Fotografie Reiseberichte Wanderungen Über

Meyer Optik Lydith 30mm f/3,5

6.3.2026 · Objektiv

Vor über sechs Jahrzehnten entwickelte Meyer-Optik Görlitz das Lydith, ein Weitwinkelobjektiv mit 30 mm Brennweite und einer Lichtstärke von f/3,5 für Spiegelreflexkameras. Während heute Standardzooms oft bei 24 mm beginnen und selbst 14-mm-Festbrennweiten für vergleichsweise kleines Geld zu haben sind, wurde Anfang der 1960er Jahre noch um jeden Millimeter kürzerer Brennweite gerungen.

Warum 30 mm für eine Spiegelreflex einmal spektakulär waren

Kurze Brennweiten sind bei Spiegelreflexsystemen konstruktiv heikel. Das Auflagemaß liegt je nach System grob bei 45 mm, also deutlich über der Brennweite eines 30-mm-Objektivs. Damit ein solches Weitwinkel überhaupt an einer SLR funktioniert, muss seine Konstruktion durch das Retrofokus-Prinzip gewissermaßen nach hinten verlängert werden. An der Vorderseite sitzen dafür stark zerstreuende Linsengruppen, im weiteren Verlauf folgen Korrekturglieder, die die dabei entstehenden Abbildungsfehler wieder einfangen müssen.

Am Grundprinzip hat sich bis heute nichts geändert. Geändert haben sich aber die Mittel, mit denen man solche Konstruktionen beherrscht. Die Optimierung eines Weitwinkels verlangt umfangreiche Berechnungen, und genau darin lag damals eine der großen Hürden. Heute werden solche Rechnungen rechnergestützt in großer Variantenvielfalt durchgeführt; zur Entstehungszeit des Lydith war der Aufwand ungleich größer.

Hinzu kommt ein zweiter Punkt: Man konnte nicht beliebig viele Linsen in ein Objektiv packen. Jedes zusätzliche Element bringt neue Glas-Luft-Flächen mit sich, also potenziell mehr Reflexionen, Streulicht und Kontrastverlust. Erst bessere Vergütungen und präzisere Fertigung haben die hochkomplexen Weitwinkelobjektive der Gegenwart wirklich praktikabel gemacht. Zum Vergleich: Das heutige, erstaunlich preisgünstige Viltrox 14mm für Vollformat kommt auf 12 Linsen in 9 Gruppen, darunter 2 Asphären sowie 4 ED- und 2 HR-Elemente.

Unter diesen Voraussetzungen war das Lydith mit seinen 30 mm durchaus bemerkenswert. Es erschien für mehrere Anschlüsse; die wichtigsten dürften heute M42 und Exakta sein.

Meyer-Optik Görlitz Lydith 30mm f/3,5, Frontansicht
Meyer-Optik Görlitz Lydith 30mm f/3,5, Seitenansicht

Mein Exemplar am Adapter

Ich besitze ein Lydith mit Exakta-Anschluss, das ich per Adapter an der Sony A7 nutze. Die Optik arbeitet ohnehin mit Arbeitsblendenmessung. An der Sony ist das für adaptierte Vintage-Objektive nichts Ungewöhnliches: Fokussiert wird bei offener Blende, meist mit Fokuslupe im EVF, und für die Aufnahme wird anschließend abgeblendet.

Warum ich das Lydith wieder hervorgeholt habe

Ich habe das Lydith wieder an die Sony montiert, weil ich für das 36:12-Projekt eine Brennweite in ähnlicher Größenordnung suchte wie bei der simplen einlinsigen 31mm f/9 der Kodak F9 Ultra. Nicht, dass diese Objektive qualitativ miteinander vergleichbar wären. Es geht mir nur um den Bildausschnitt. Nun ja, und ein wenig auch um den analog anmutenden Vibe.

Ich hatte das Lydith an den eisigen Februartagen auf Spaziergängen im verschneiten Havelland dabei und kürzlich noch einmal in den vorfrühlingshaft sonnigen Tagen am Untersee in Bantikow. Dort traf ich mich mit meinen Kollegen zu einer Gesellschafterversammlung von CosmoCode und konnte in den Pausen immer wieder zur Kamera greifen.

In der Praxis: zwischen 28 und 35 Millimetern

30 mm f/3,5 ist eine schöne Brennweite. 35 mm zählt zu meinen Favoriten; die Fuji X100 liefert ja denselben Bildwinkel, auch wenn sie dafür wegen des APS-C-Formats eine auf 23 mm verkürzte Brennweite nutzt. 28 mm dagegen stehen schon an der Schwelle zum eigentlichen Weitwinkelrausch. Wobei man heute vielleicht eher 24 mm nennen würde, denn 28 mm ist ein Bildwinkel, den man nach reichlich Smartphone-Fotografie fast schon für normal halten könnte.

Die 30 mm des Lydith liegen genau dazwischen: etwas weiter als 35 mm, angenehm vertraut, aber mit ein wenig mehr Spielraum an den Rändern.

Verblüfft hat mich die Abbildungsleistung des Objektivs. Besonders feine Zweige in kahlen Bäumen oder die Strukturen auf den letzten Eisflächen des Untersees kommen gut zur Geltung und wirken erfreulich klar. Die Schärfeleistung spürt man schon beim Blick durch den EVF mit Fokuslupe: Trotz Offenblende 3,5 lässt sich der Fokuspunkt genau setzen.

Die aus heutiger Sicht eher bescheidene Lichtstärke von f/3,5 erlaubt trotzdem Freistellung. Wichtiger ist aber vielleicht, dass der Unschärfeverlauf sehr harmonisch wirkt. Gerade die Übergänge von scharf zu unscharf reagieren empfindlich, wenn in der beginnenden Unschärfe Strukturen durch unruhige Zerstreuungskreise gegeneinander arbeiten und dabei ein eigenes Flimmern erzeugen. Das Lydith macht das hier erstaunlich gelassen.

Die Naheinstellgrenze von nur 33 cm erlaubt es auch, nah an die Motive heranzugehen. Das Lydith ist damit universell einsetzbar: für Landschaft, Porträts, Naturaufnahmen und Details.

Bezugsquellen

Die Gebrauchtpreise für das Lydith beginnen bei etwa 50 bis 60 Euro auf Ebay. Wer – wie ich – sich nicht nur an Vintageobjektiven, sondern auch an analogen Kameras erfreut, kann mit Glück eine Kameraausrüstung mit dem Lydith als Beifang erwerben.

Aber man kann das Lydith auch neu erwerben. Ich finde es großartig, dass Meyer-Optik immer noch – oder wieder – ihre alten Klassiker produziert. Das alte Linsendesign, in moderner Fassung. Die Optiken werden in Deutschland gefertigt und liegen preislich bei rund 600 €. Sie werden mit Anschlüssen für moderne Systeme gefertigt, etwa Sony, Nikon, Canon, Leica und Fuji. Adapterlösungen, wie ich sie nutze, bedeuten immer auch eine zusätzliche Quelle für unerwünschte Innenreflexionen.

Ich würde gern einmal ein solches neues Exemplar ausprobieren, aber preislich liegt das außerhalb meines Budgetrahmens.

Beispielfotos

Bei den winterlichen Fotos hatte ich mir angewöhnt, sanft zu überbelichten. Eine manuelle Belichtungskorrektur bietet sich bei Schnee ohnehin an, aber ich habe noch ein kleines Stück weiter nach oben korrigiert, um in einen High-Key-Bereich zu kommen. Das funktionierte gut. Bei den Fotos am Untersee mit den warmen Farbtönen des Sonnenlichts auf dem unbelaubten Gehölz wurde daraus allerdings schnell ein unschönes Gelb. Das würde ich weniger dem Lydith anlasten als meiner Neigung, eine bestimmte Bildidee auch dort noch durchsetzen zu wollen, wo sie farblich schon kippt.

Kommentare

Lade Kommentare …


Formatierung möglich: **fett**, *kursiv*,`code`, Listen, Absätze.

Kommentare werden erst nach Freischaltung sichtbar.
Die Emailadresse wird nicht angezeigt.