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Digitalisierung der analogen Fotoarchive

Rund 7.000 Negative und Dias, ein Flachbettscanner und ein Jahr Zeit: Was beim Scannen des eigenen Fotoarchivs zum Vorschein kommt.

30.9.2026 · Essay
Junge mit Brille hockt lachend im flachen Wasser am Strand, Dia von 1971

Rund 7.000 analoge Fotos habe ich in den letzten zwölf Monaten digitalisiert.

Der Auslöser für das ganze Unterfangen war der Tod des Freundes einer Bekannten, eines Fotografen und Chronisten des West-Berlins der 1970er- und 1980er-Jahre. Als ich dabei half, seine Wohnung auszuräumen, unterhielten wir uns über das West-Berlin jener Zeit, und ich dachte an meine analogen Fotos, die ich in den späten 70ern und Anfang der 80er gemacht hatte. Und an all die anderen Filme und Dias, die in Ordnern und Kästen, in Regalen und Kartons darauf warten, dass … ja, was eigentlich?

Irgendwann wird jemand in meinen Räumen stehen, eine solche Kiste öffnen und entscheiden, dass sie entsorgt wird. Und das zu Recht – wenn etwas Jahrzehnte unbeachtet blieb und keinen Nutzen hatte, darf es weg. Ganz besonders dann, wenn es keinen mehr gibt, der sich daran klammert.

Zu jener Zeit vor einem Jahr stöberte ich in den Negativen und Dias und fand ein paar Serien, die mich sehr anrührten, beispielsweise die Fotos vom Bahnhof Zoo oder die von meiner Reise durch Italien.

Auf der Suche nach Schätzen

Anschließend begann ich, systematisch zu scannen. Ich nahm mir meine Ordner mit den Negativen und scannte mich durch meine Geschichte. Dem Impuls, Filme zu überspringen, die langweilig wirkten, widerstand ich zum Glück. Denn die Filme, die ich als langweilig in Erinnerung hatte, waren genau diejenigen, die ich immer beiseitegelegt hatte und die ich dementsprechend am wenigsten kannte – und die so die größten Überraschungen boten.

Weiße Kirche mit Glockenturm in der blauen Stunde, Moped an der Mauer, Dia aus Griechenland 1987
Griechenland 1987, Dia. Einer der Filme, die ich für langweilig hielt.

Das war besonders bei den Schwarz-Weiß-Negativen der Fall, denn ich hatte ein eigenes Fotolabor und seinerzeit nur sehr selektiv vergrößert. Viele meiner damaligen Fotos sah ich nach dem Scannen zum ersten Mal in ansprechender Größe.

Langhaarige Katze schaut aus einem dunklen Stallfenster über ein Holzbrett, Schwarz-Weiß-Negativ von 1980
1980, Schwarz-Weiß-Negativ, nie vergrößert.
Frau mit Kind und Kinderwagen füttert Möwen am nebligen Strand, Schwarz-Weiß-Negativscan
Möwen am Strand, Schwarz-Weiß-Negativ.

Fünf Minuten Vergangenheit: Dias und Negative im Homeoffice scannen

Für das Projekt nutzte ich einen Epson-Flachbettscanner und integrierte das Scannen in meinen Homeoffice-Arbeitsalltag.

Der Scanner hat Filmhalter für Negative und Dias, die 12 Dias beziehungsweise 18 Negative fassen und mit denen der Scanner autonom arbeitet. Etwa alle 30 Minuten gab es eine kleine Pause, in der ich die Halter neu bestückte. Da ich mehrere Halter habe, konnte ich gleich zwei Scansitzungen vorbereiten.

Die kurze Pause wurde zu einer willkommenen Unterbrechung der Bildschirmarbeit. Den eigentlichen Import der Fotos in Lightroom und die Nachbearbeitung konnte ich später erledigen.

Beim Scannen selbst habe ich aus Zeitgründen auf Perfektion verzichtet. Nach dem Prescan kontrollierte ich mit einem Blick Belichtung, Kontrast und Durchzeichnung und korrigierte nur bei Bedarf, häufig mit der Automatik der Scansoftware.

Screenshot der Scansoftware SilverFast SE Plus mit dem Prescan eines Diahalters: zwölf Rahmen, Histogramm und Gradationskurve
Prescan in SilverFast: ein Diahalter mit zwölf Rahmen, danach übernimmt meist die Automatik.

Was vierzig Jahre mit Dias und Negativen machen

Sehr deutlich wurde bei diesem Projekt, wie unterschiedlich Filmmaterial altert. Ich hatte als Jugendlicher nicht das Geld, ausschließlich hochwertige Filme zu kaufen, und das bekam ich jetzt zu spüren.

Meine wenigen Ektachrome-Dias beispielsweise waren gut erhalten. Manche Perutz- oder ORWO-Filme sind dagegen ins Blauviolette gekippt, andere haben große Teile ihrer Blauanteile verloren und bestehen nur noch aus zarten gelb-roten Farbtönen. Der Scanner kann erstaunlich viel davon retten, aber was im Bild übrig bleibt, ist ziemlich dünn und erlaubt aufgrund des geringen Kontrastumfangs kaum noch Korrekturen.

Wintermorgen am Fluss, Sonne im Dunst, Dorf mit Kirchturm spiegelt sich im Wasser, altes Farbdia
Farbdia mit verhaltenen Farben: Wintermorgen am Fluss.

Ein zweites Problem ist Staub. Glaslose Dias hatte ich früher gemieden, weil sie sich gerne im Projektor verhakten. Beim Scannen sind sie aber wunderbar unkompliziert: kurz mit dem Blasebalg darüber, und meistens können sie direkt in den Scanhalter. Die Glasrahmen dagegen waren außen und innen verschmutzt; einige Dias klebten sogar am Glas, vermutlich weil ich sie damals rahmte, als der Film noch nicht ganz trocken war.

Die Glasflächen der Glasrahmen habe ich mit Baumwoll-Brillenputztüchern und Optik-Reinigungsspray gesäubert. Geöffnet habe ich nur Rahmen von Bildern, bei denen sich der Aufwand wirklich lohnte.

Puzzlestücke und blinde Flecken

Die technischen Erfahrungen sind allerdings nicht das, was mir von diesem Projekt hauptsächlich bleiben wird. Viel stärker war die Erfahrung, mich Bild für Bild durch mein eigenes früheres Leben zu bewegen.

Da waren Reisen, Straßenszenen, Wohnungen und Orte, die längst anders aussehen oder verschwunden sind. Und natürlich Menschen: Familie, Freunde und andere Personen, die einmal zu meinem Leben gehörten. Besonders die Menschen, die mir nahestanden und die ich porträtierte, schauten mich nun wieder wie damals an und setzten Erinnerungen und Emotionen frei.

Selbstporträt: junger Mann mit Baskenmütze, Ohrring und Bart lacht mit geschlossenen Augen, Schwarz-Weiß-Negativ von 1982
Selbstporträt, 1982, Schwarz-Weiß-Negativ.

Da sind warme Gedanken dabei, die wie Puzzlestücke verloren gegangene Teile der eigenen Geschichte wieder komplettieren. Aber es gehen auch Türen zu Räumen auf, die man vor vielen Jahren abgeschlossen hat und nie wieder betreten wollte.

Ich habe viele Gespräche geführt, vor allem mit meiner Familie und meinen Geschwistern, und ich bin dankbar, dass sie sich ebenfalls auf das Abenteuer eingelassen haben, sich über die Fotoarchive mit unserer Geschichte auseinanderzusetzen. Ich nehme an, dass wohl jede Familie ihre blinden Flecken hat, hinter denen sich Wunden verbergen. Über die Fotos wird die Vergangenheit nacherzählt, mit einer Ehrlichkeit, die brutal sein kann, aber auch die Chance bietet, sich damit zu befassen. Und auch wenn man damit nicht endgültig abschließen kann, so werden zumindest jahrzehntelang verschlossene Räume wieder betretbar.

Fotografiere ich seit vierzig Jahren dieselben Bilder?

Abseits von den emotionalen Wiederbegegnungen habe ich mit Erstaunen festgestellt, wie wenig sich manches in meiner Fotografie verändert hat. Oder anders gesagt: wie weit mein gestalterisches Empfinden zurückreicht.

Ich finde in manchen meiner frühen Bilder denselben Minimalismus, den ich heute noch suche: kahle Hügel, einen einzelnen Baum, klare Flächen und das Spiel mit Symmetrien und deren Verletzung. Diese Fotos würde ich heute noch genauso machen.

Einzelner Baum auf einem Hügel über gelben Gerstenfeldern unter dunklen Wolken, Dia aus England 1980
England 1980, Dia.
Aussichtsplatz mit weißen Bänken, Laterne und einzelnem Baum über nebliger Küstenlandschaft, 1992
1992 - Gomera

Verändert hat sich natürlich vor allem die Nutzung von Brennweiten. Ich hatte seinerzeit fast alles mit 50 mm aufgenommen; heute bevorzuge ich 35 mm, bezogen auf Vollformat.

Wenn die letzten Kästen leer werden

Den Eifer, mich durch die Archive zu arbeiten, habe ich während des Scannens nicht verloren, im Gegenteil.

Mit jedem digitalisierten Film wuchs die Neugier auf den nächsten. Als die letzten Kästen leer wurden, empfand ich Wehmut – die täglichen Überraschungen und Reflexionen würden bald aufhören. Die letzten zwei Diakästen hat mir dann noch meine Mutter untergejubelt; auch hier sind ein paar wirkliche Perlen dabei. Zum Beispiel das Titelbild, das mich zeigt.

Ein anderes erzählt fast schon eine eigene Geschichte: die Panne am Straßenrand im Süden, ein Monteur, der unter dem Auto liegt.

Panne mit einem cremefarbenen Fiat 600 Cabrio in einer Dorfstraße, zwei Frauen warten auf der Mauer, ein Mann liest die Karte, ein Monteur liegt unter dem Auto, Dia von 1971
1971, Dia aus den Kästen meiner Mutter.

Digitalisiert, aber noch nicht gerettet

Während des Scannens kamen meine Kinder immer wieder vorbei und schauten sich die Bilder an. Besonders überrascht waren sie von Fotos, auf denen ich selbst als Jugendlicher zu sehen bin – jünger, als sie heute selber sind. Und abgesehen von den Motiven verzaubert der nostalgische Charme des alten Filmmaterials: seine Farben, das Korn und die kleinen Unzulänglichkeiten – ein sanftes analoges Flüstern aus einer Zeit, die es nicht mehr gibt.

Meine Tochter fragte mich dann: Was passiert eigentlich mit den Bildern, wenn du nicht mehr bist?

Recht hat sie. Die Arbeit ist noch nicht erledigt. Denn mein Fotoarchiv mit 70.000 digitalen Fotos aus analoger und digitaler Zeit ist ebenso eine Zumutung wie Kästen und Ordner voller Negative.

Das nächste Projekt steht also an: die Fotos auswählen, verschlagworten und in Sammlungen bringen – und daraus ein klickbares digitales Fotoalbum erstellen.

Einen ersten Eindruck davon geben die Projekte West-Berlin 1978–1980 und Italienische Reise.