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Im Wendland

9.3.2026 · Niedersachsen · Elbauen
Sonnenuntergang am Gartower See

Ein verlängertes Wochenende zu meinem Geburtstag führt uns für drei Tage ins Wendland. Ich hatte bei Airbnb nach Unterkünften Ausschau gehalten, die Charme haben und in einer landschaftlich reizvollen Gegend liegen, die nicht allzu weit von Berlin entfernt ist.

In den Elbauen waren wir schon zweimal, und ich finde schließlich südlich der Elbe, südlich von Lenzen, eine bezahlbare Unterkunft im Kulturwerk Herbsthausen in Gartow.

Wir fahren los und lassen uns überraschen. Vor der Buchung hatte ich zwar ein- oder zweimal bei Komoot geschaut, ob es Wanderwege oder Spaziergänge gibt, aber was die Landschaft sonst noch zu bieten hat, wollten wir selbst entdecken.

Gartow liegt im Wendland, jener Landschaft, die seit den 1980er Jahren durch das geplante Atommülllager Gorleben republikweit bekannt wurde. Der Ort lag damals in einem Zipfel der Bundesrepublik, der weit in das Gebiet der DDR hineinragte.

In meiner Jugend war Gorleben natürlich ein Thema, das mich als jungen Westberliner beschäftigte. Wie fühlt es sich heute an, 46 Jahre nach den Protesten, hierherzukommen? Dazu später mehr.

Kulturwerk Herbsthausen

Im Kulturwerk werden wir freundlich von Camillo begrüßt. Das Areal befindet sich auf dem Gelände eines denkmalgeschützten Sägewerks aus dem Jahr 1891, das lange leer stand und nun Zentrum für Kunst, Kultur und Industriedenkmal zugleich ist – oder vielmehr gerade dabei ist, eines zu werden.

An der Längsseite zur Straße befinden sich ehemalige Gesellenwohnungen, die zu kleinen Apartments umgebaut wurden. Wir haben einen großen Raum mit Küche, Sofa, Doppelbett und einem zusätzlichen Bett sowie ein separates Bad mit Dusche. Die Einrichtung ist charmant, mit alten Möbeln, und es ist alles da, was man braucht.

In der Mitte des Geländes steht das alte Sägewerk, drum herum weitere Gebäude, von denen einige bereits restauriert wurden. Seit zwei oder drei Jahren wird hier gebaut und gewerkelt, und es ist beachtlich, was in dieser Zeit entstanden ist.

Im alten Sägewerk

Es tut gut, an einem Ort zu sein, an dem mit viel Engagement etwas geschaffen wird, das dieser Welt positive Werte entgegensetzt. Man fühlt sich ein wenig wie Teil einer Kulturkommune – auch wenn man selbst eigentlich nur hier ist, um die Beine hochzulegen, während um einen herum gearbeitet wird.

Nebengebäude auf dem Kulturwerk Herbsthausen

Unser erster Spaziergang führt uns nach Gartow hinein, ein Ort mit hübschen Backsteinhäusern und einem Schloss. Im Bioladen bekommen wir zwar keinen Kuchen, dafür aber anderes süßes Naschwerk sowie Kaffee, den wir auf der Terrasse in der warmen Vorfrühlingssonne genießen. Unsere Tischnachbarn rufen immer wieder laut „Moni! Entspann dich!“ in unsere Richtung.

Moni, entspann dich!

Wir schauen irritiert zurück, bis wir merken, dass sie ihren Hund meinen. Wer bitte nennt seinen Hund Moni?

Unser Rückweg führt uns an dem Schloss Gartow vorbei. Zwischen Gartow und Nienwalde finden wir einen Waldweg, der uns zu einem wunderbaren Areal führt, einem Waldkindergarten. Unweit davon befindet sich die Kriegsgräberstätte, wo die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs liegen. An der Elbe befand sich ein Brückenkopf, der in den letzten Kriegstagen viele Tote hervorbrachte. In den letzten Jahren wurden hierhin auch andere Gefallene umgebettet, sodass sich nun neben deutschen Namen auch russische und polnische finden.

Das Schloss Gartow

Vietze und Höhbeck

Vietze, etwa zehn Kilometer entfernt und direkt an der Elbe gelegen, ist am Samstag unser Ziel. Wir spazieren entlang der Elbe und erklimmen den Höhbeck, einen Höhenzug, der einst Karl dem Großen als Stützpunkt diente.

Der Höhbeck ist bis zu 60 Meter hoch und bietet eine weite Aussicht, besonders vom Aussichtsturm Schwedenschanze. Von hier aus hat man einen spektakulären Blick über die Elbauen. Auf der anderen Seite der Elbe erkennen wir Lenzen und Mödlich, Orte, die wir bei früheren Aufenthalten in der Elbregion besucht hatten.

Blick vom Höhbeck

Am Nachmittag geht es dann nach Nemitz in ein Café – eine Empfehlung von Camillo. Dort erwarten uns großartige Torten zu überraschend günstigen Preisen. Zwei Extrastücke dürfen noch mit zurück nach Gartow, wo sie später verputzt werden.

Im Café von Nemitz

Spaziergang am Gartower See

Ich mache zum Abend hin noch eine Runde mit dem Rad rund um den Gartower See, der teils auf dem Deichweg, teils auf einem Schotterweg zu umrunden ist. Am nächsten Tag werden wir ein Teilstück noch einmal wiederholen, zu Fuß und mit Hund, und einen schönen Sonnenuntergang erleben. Entstanden ist der See vor etwa 50 Jahren durch Ausbaggerung. Am West- und nordwestlichen Ufer ist er idyllisch mit Schilfgürteln und auenwaldähnlichen Einbuchtungen versehen.

Sonnenuntergang am Gartower See

Schnackenburg und die Aland-Niederung

Am Sonntagmorgen ist der Himmel bedeckt, aber es bleibt frostfrei. Kraniche suchen auf den Feldern nach Nahrung und machen sich davon, sobald sie mich bemerken.

Nach dem Frühstück fahren wir nach Schnackenburg, ebenfalls etwa zehn Kilometer entfernt. Ich lege die Route mit einem kleinen Umweg über Holtorf, das sich nahe der Elbe befindet. Auf dem Weg dorthin kommen wir in eine leere Landschaft, in der riesige Schwärme von Wildenten und Kranichen kreisen. Ein großartiges Schauspiel, das uns an Linum erinnert und uns zu einer Pause mahnt. In einiger Entfernung landen die Gänse in einer großen Kolonie, die Luft ist erfüllt von ihren Rufen.

Wie gut es tut, die Wiederkehr der großen Vögel zu erleben. Die Vogelseuche hatte im letzten Herbst stark unter den Kolonien gewütet, und die Berichte der Helfer, welche die über tausend verendeten Vögel von den Feldern Linums holten, haben sich eingebrannt.

Kranich auf den Feldern von Gartow

In Schnackenburg angekommen, parken wir am Grenzmuseum, und Moni meint plötzlich, dass sie den Ort kennt – und tatsächlich: Vor zwanzig Jahren waren wir mit unseren Kindern schon einmal hier, damals bei einem Ausflug von unserer Unterkunft in Rambow.

Schnackenburg liegt am Fluss Aland, der hier in die Elbe mündet. Wir überqueren den Aland und spazieren in die menschenleere, topfebene Schwemmlandlandschaft der Aland-Elbe-Niederung hinein.

Es fühlt sich ein wenig an wie das Ende der Welt – ähnlich wie im Rhinluch: unendliche Weiten, ein großer Himmel. Kraniche und Raubvögel kreisen über den Feldern.

Der große Rundweg ist uns zu weit. Stattdessen laufen wir etwa anderthalb Stunden bis zur Elbe und wieder zurück. Dann meldet sich der Tortenhunger, und wir sehen zu, dass wir wieder nach Nemitz kommen.

Nach der Stärkung drehe ich noch eine Runde mit dem Fahrrad. Dabei entdecke ich viel mehr Radwege, als bei Komoot eingezeichnet sind. Meine Tour führt mich ein Stück auf dem Elberadweg Richtung Lenzen, doch ich kürze bald ab – schließlich soll noch Zeit für einen kleinen Ausflug zum Sonnenuntergang mit Moni bleiben.

In der Aland-Niederung
In der Aland-Niederung

Nemitzer Heide

Wir entscheiden uns für die Nemitzer Heide. Vom Parkplatz aus führen drei Rundwege durch das Gebiet, wir wählen den mittleren.

Die Heidelandschaft ist zauberhaft: leicht hügelig, dunkelbraun von den Heidekräutern des Winters, durchzogen von hellen sandigen Wegen. Dazwischen stehen Birken und Kiefern. Auf den kleinen Erhebungen laden Bänke zum Verweilen ein und geben den Blick in die Ferne frei.

Es ist das erste Mal, dass ich in einer „echten“ Heidelandschaft stehe. Die anderen Heideflächen, die ich kenne – etwa die Döberitzer Heide oder Teile der Schorfheide – sind ehemalige Truppenübungsplätze.

Die Stille ist … ohrenbetäubend. Es ist so ruhig, dass man meint, Noise-Cancelling-Kopfhörer absetzen zu müssen. Die pittoreske Landschaft und die Stille senken sich wie eine meditative Entspannung über uns.

Gerade rechtzeitig erreichen wir die letzte Anhöhe, von der aus wir uns von der untergehenden Sonne verabschieden.

In der Nemitzer Heide
Nemitzer Heide
Nemitzer Heide

Ein Baedeker aus der DDR

In unserer Ferienunterkunft liegt ein Baedeker über die DDR, nebst Straßenkarte.

Der Baedeker aus der DDR

Ich habe vergessen zu fragen, wie dieser wohl den Weg in unser Gemach gefunden hat. Es ist faszinierend, in ihm zu blättern – die DDR als begehrtes Kulturreiseziel. Die Ausgabe ist von 1980, also ein Jahrzehnt vor der Wiedervereinigung. Beim Blättern durch das Buch fällt mir auf, wie unkritisch sich dieser Reiseführer mit der DDR auseinandersetzt. Ich frage mich, wer wohl in die DDR gereist ist, um das schöne Land, die netten Leute und die bemerkenswerten Errungenschaften der Werktätigen zu besichtigen. Ging nicht die Teilung durch nahezu jede Familie? Kein Wort findet sich zu Problemen bei der Ein- und Ausreise, zur Mangelwirtschaft oder zum Überwachungsstaat.

Und die Vermutung wird durch das Vorwort bestätigt – der Reiseführer wurde vom VEB Touristik dem Baedeker gewissermaßen in die Feder diktiert.

Interessant ist auch die Landkarte. Sie zeigt, wie exponiert das Wendland in die DDR hineinragte.

Lage von Gartow

Wehrt euch

Das Wendland steht für mich symbolisch für den Widerstand gegen die Atomkraft und für die Entstehung der Umwelt- und Friedensbewegungen in Deutschland. Und der Nachhall dieser Bewegungen ist hier immer noch spürbar: Die gelben Kreuze, Symbol des Protests gegen das Atommülllager, hängen noch immer – oder wieder – an vielen Häusern.

Kreuz ohne Haken

Es fühlt sich an, als hätte sich in diesem kleinen Landeszipfel eine politische Haltung bewahrt. Und es fühlt sich angenehm und vertraut an, auf dem Kunsthof zu sitzen und sich für einen Moment unter Freunden zu fühlen.

Eine Bekannte von mir ist am Projekt Lomitz e.V. beteiligt, nicht weit von hier, ebenfalls im Wendland. Wenn ich ihr bei unseren Begegnungen mit dem Hund von meinen schönen Erlebnissen im Havelland erzählte, hielt sie immer mit dem Wendland dagegen – wegen der Menschen, die hier leben und mit denen sie sich verbunden fühlt.

Ich hatte dieses Argument schon verstanden. Aber die Brüche und Risse in der Geschichte gehören für mich auch zu den neuen Ländern dazu, und die will ich nicht aus Bequemlichkeit ausblenden.

Und dazu gehört leider auch, dass man politische Themen bei Begegnungen in Brandenburg besser nicht anspricht, wenn man sich den Ausflug nicht vermiesen will. Und zur Wahrheit gehört auch, dass Menschen mit anderer Hautfarbe dort mitunter mit dem Hitlergruß empfangen werden, wie es anderen Bekannten von uns im Rhinluch bei einem Paddelausflug ergangen ist.

Fast fünfzig Jahre sind seit den großen Protesten im Wendland vergangen. Diese Zeit hat unsere Gesellschaft verändert, und ihr Echo ist hier noch immer spürbar.

Gleichzeitig ist heute zu beobachten, dass Formen des Protests und der Widerstandsrhetorik von ganz anderen politischen Kräften aufgegriffen werden. Es ist lehrreich – und auch erschütternd – zu sehen, wie Parolen des Widerstands und des Aufbegehrens heute von rechtsnationalen Bewegungen verwendet werden.

Nicht, dass die Ziele und Methoden der damaligen Umweltbewegung und der heutigen rechten Protestbewegungen vergleichbar wären – das sind sie ganz und gar nicht. Aber die Suche nach Sinn, Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit findet in Widerstandsbewegungen einen Ort, an dem sie sich entfalten kann. Meine Persönlichkeit wurde durch die 80er nicht gebildet, wohl aber geformt, und sie sind ein unauslöschlicher Teil von mir. Wenn diese politischen Prägungen ähnlich nachhaltig in den rechten Milieus stattfinden, werden die Reichsbürgerfahnen noch lange in Brandenburg wehen.

So darf das nicht enden

Als ich Moni diesen Text hier zum Lesen gebe, entrüstet sie sich: „So darf der Text nicht enden!“ Der Abschluss wird dem schönen Wochenende nicht gerecht. Womit sie natürlich recht hat. Das Kulturzentrum Herbsthausen zum Beispiel ist etwas, was Hoffnung macht. Vier Leute, die ihre Kraft und Zeit einem Projekt widmen, wo so viele Signale einen eigentlich abhalten müssten, sich darauf zu verschwenden. Zu groß. Zu teuer. Zu anstrengend.

Ich kenne die Motive von Camillo & Co. nicht, aber es tut gut und inspiriert, diese Menschen kennenzulernen, die lieber den Arbeitshandschuh anziehen, anstatt den vom Nichtstun dekubitusgefährdeten Hintern auf dem Sofa zu wenden und zu jammern, was man alles tun könnte, wenn man einen nur ließe.

Eine gute Gelegenheit, das Projekt Herbsthausen kennenzulernen, ist die Kulturelle Landpartie. Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten findet im Wendland ein großes Kulturfestival statt: kulturelle-landpartie.de.

Dampfmaschine im Sägewerk

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