Die Werra 3, eine minimalistische Kleinbild-Kompaktkamera mit Messsucher-Entfernungseinstellung aus der DDR

Endlich bin ich dazu gekommen, den Film in meiner Werra zu entwickeln. Viel zu lange hatte er im Apparat auf seine Vollendung warten müssen, seit ich ihn – wie immer in Erwartung aufregender analoger Fotoabenteuer – eingelegt hatte. Doch immer gab es Wichtigeres zu tun: Fotos für Rad- und Wanderbücher zum Beispiel. Und natürlich drängten sich auch andere Kameras in mein Herz und wollten ebenfalls benutzt werden.

Nachdem ich kürzlich eine Werramatic geschenkt bekommen hatte – ich habe hier darüber berichtet – ist die Faszination für diese Kameraserie wieder erwacht. Seitdem habe ich meine Werra 3 häufiger mitgenommen, wenn ich unterwegs war.

Das Werra-System

Die Werra-Kameras sind eigenartige, ungewöhnliche und ausgesprochen ästhetische Modelle, die in den fünfziger und sechziger Jahren in der DDR von VEB Zeiss Ikon im Werk Eisfeld entwickelt wurden. Besonders auffällig ist die grüne Belederung, die an den Thüringer Wald erinnert – dort, wo das Kamerawerk unweit des Flusses Werra seinen Sitz hatte.

Allen Kameras der Werra-Linie gemeinsam ist ihre extrem reduzierte äußere Gestaltung: Blende, Zeit und Entfernung finden sich komplett am Objektiv. Dazu kommt die charakteristische, nach hinten gestülpte Gegenlichtblende in Grün. Das Ungewöhnlichste der Kamera ist jedoch der kombinierte Verschlussaufzug und Filmtransport, der über einen Drehring direkt am Objektiv erfolgt. Ein komplexes Getriebe überträgt diese Bewegung ins Kamerainnere.

Produziert wurden verschiedene Modelle. Die erste Variante hatte nur einen einfachen optischen Sucher – Belichtung und Entfernung müssen geschätzt werden. Spätere Modelle sind mit Belichtungsmesser, Entfernungsmesser oder beidem ausgestattet. Meine Werra 3 verfügt über einen Entfernungsmesser, aber keinen Belichtungsmesser. Der Entfernungsmesser ist – wie damals üblich – als Messsuchersystem aufgebaut: Man bringt zwei Teilbilder zur Deckung, indem man am Objektiv fokussiert.

Das Objektiv ist ein Tessar 50 mm f/2.8 – scharf, kontrastreich und für diese Kameraklasse eine sehr gute Wahl. Tessare findet man an vielen gehobenen Kameras jener Zeit. Die Objektive sind wechselbar; es gab ein leichtes Weitwinkel und ein leichtes Tele. Der Verschluss sitzt bauarttypisch im Objektiv.

Handhabung der Werra 3

Zum Fotografieren muss man die aufgestülpte Gegenlichtblende abnehmen. Und entweder verstaut man sie irgendwo, oder man setzt sie umgekehrt als Gegenlichtblende auf das Objektiv – dafür ist sie ja konstruiert. Hierzu muss der kleine Deckel der Blende abgeschraubt werden; der wandert dann in die Hosentasche und geht hoffentlich nicht verloren. Wenn man die Kamera häufiger verstaut, kann dieses Prozedere allerdings lästig sein. Ich habe die Blende häufig gar nicht als Gegenlichtblende genutzt, sondern separat aufbewahrt.

Die Werra-Kameras haben einen angenehmen Formfaktor, und das kompakte Gehäuse ohne Kanten lässt sich leicht in die Jackentasche stecken. Allerdings muss man einen Belichtungsmesser dabei haben; ich nehme bei kleinen Kameras gerne den kompakten Gossen Sixtomat mit.

Werra 3 mit angesetzter Gegenlichtblende
Werra 3 mit angesetzter Gegenlichtblende

Werra 3 mit angesetzter Gegenlichtblende
Werra 3 mit angesetzter Gegenlichtblende

Der Aufzugsring, den man für Transport und Verschlussaufzug drehen muss, ist bei meiner Werra 3 recht schwergängig. Das kann an einer verschlissenen Mechanik oder an verharztem Schmierfett liegen – wer weiß. Es führt jedenfalls dazu, dass das Bediengefühl nicht zuverlässig ist.

Ein weiterer Punkt betrifft die Einstellringe für Zeit, Blende und Entfernung: Sie sind sehr schmal und ragen kaum aus dem Objektivkörper heraus, was die Bedienung erschwert. Fingerspitzengefühl ist hier gefragt. Positiv ist allerdings die Kopplung zwischen Zeit und Blende – man kann für einen bestimmten Lichtwert einfach die passende Kombination mit einem Handgriff einstellen.

Das Zurückspulen des Films geschieht über einen Knauf am Kameraboden; der ist bei mir ebenfalls extrem schwergängig, und ich musste wirklich viel Kraft aufwenden. Das machte das Zurückspulen zu einer Geduldsprobe. Da ich die Negative selbst entwickle, achte ich darauf, dass der Filmanfang nicht vollständig in der Patrone verschwindet. Normalerweise merkt man beim Zurückspulen, wenn der Widerstand plötzlich nachlässt – dann muss man aufhören. Dieses Feingefühl hatte ich bei der Werra nicht, und so hatte ich große Mühe, den Film mit dem Filmretriever wieder aus der Patrone zu bekommen. Wie sich herausstellte, war die Perforation eingerissen, und die Grate an der Schadstelle verweigerten beharrlich den Weg durch den Patronenschlitz.

Dornröschenschlaf

Überrascht war ich, als ich den entwickelten Film betrachtete: Über vier Jahre hatte er in der Kamera verbringen müssen, bis ich ihn endlich erlöste. So wurde die Kamera zu einer Zeitkapsel und hat mir verspätete Fotos der tollen Radreise durch das Ruppiner Land geschenkt.

Zu den Bildern

Die folgenden Schwarz-Weiß-Fotos habe ich wie immer mit Rodinal entwickelt, der bekanntermaßen kräftiges Korn liefert. Mich stört das nicht, im Gegenteil – diese analogen Artefakte erzeugen das Gefühl von materieller Wirklichkeit, von Authentizität.

Das Tessar-Objektiv liefert klare und kontrastreiche Ergebnisse. Einige Bilder waren allerdings deutlich überbelichtet, weil die längeren Verschlusszeiten – insbesondere 1/30 Sekunde – zu lang liefen. Ich habe in Lightroom die Belichtung angepasst, wodurch bei einzelnen Fotos das Korn noch verstärkt wurde. Das hat aber natürlich nichts mit der Kamera selbst zu tun.

Einige Negative hatten horizontale Kratzer. Das deutet auf Beschädigungen der Filmandruckplatte oder auf kleine Grate an der Filmbühne hin.

Bei den entwickelten Bildern habe ich festgestellt, dass ich die Schärfe überall ausreichend getroffen habe. Ein 2.8-Objektiv hat ja generell keine extreme Schärfentiefe, was der Werra hier entgegenkommt.

Durch den hakeligen Filmtransport kam es zu mehreren ungewollten Doppelbelichtungen – ungefähr fünf bis sechs Bilder waren betroffen. Wenn das wichtige Motive betrifft, ist der Frust groß. Ich habe mich aber an den Zufallsergebnissen gefreut – sie erzeugen ungewöhnliche Bilder und spielen gegen die Regeln, ganz im Sinne Flussers. Interessanterweise finde ich, dass diese Doppelbelichtungen besonders großes Korn haben, so als würden zwei Negative übereinanderliegen. Das ist natürlich Quatsch – es ist nur ein Negativ.

Kirche Wittstock/Dosse
Kirche Wittstock/Dosse

Am Tornowsee
Am Tornowsee

Campingplatz Tornowsee
Campingplatz Tornowsee

Rheinsberg
Rheinsberg

Rheinsberg
Rheinsberg

Heilandskirche Sacrow
Heilandskirche Sacrow

Schloss Sacrow
Schloss Sacrow

Ungewollte Doppelbelichtung 1
Ungewollte Doppelbelichtung 1

Ungewollte Doppelbelichtung 2
Ungewollte Doppelbelichtung 2

horizontale Kratzer (rechter oberer Teil)
horizontale Kratzer (rechter oberer Teil)

Fazit

Die Werra ist eine tolle Kamera, um sie einmal auszuprobieren. Sie ist sicher kein Einstiegsmodell, aber für jemanden, der bereits Freude an der analogen Fotografie gefunden hat, eine deutliche Bereicherung des Kamerasortiments. Für mich persönlich ist es allerdings keine Kamera, mit der ich täglich losziehen werde. Ich befürchte, dass der nächste Film, den ich einlege, wieder ein paar Jahre in der Kamera lagern wird, bevor er erlöst wird.

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