Halbe Brennweite - halbe Blende
Bokeh-Regel der Fotografie: Brennweite und Blende wirken proportional auf die Unschärfe. Warum Weitwinkelobjektive mehr Offenblende brauchen, um den Hintergrund unscharf zu machen
Das Problem: Unterschiedliche Brennweiten, gleicher Look?
Wenn du ein Portrait mit schöner Hintergrundunschärfe (Bokeh) aufnehmen willst, funktioniert das mit einem 85mm-Objektiv bei f/1.4 großartig.
Wenn Du nun ein Weitwinkel, beispielsweise ein 35mm bei f/1.4) nutzt, musst du näher rangehen, damit das Portrait gleich groß aussieht. Wir wissen zwar, dass ein Weitwinkelobjektiv eine größere Schärfentiefe hat, aber da ich jetzt auf eine kürzere Distanz fokussiere, würde ich erwarten, dass der Hintegrgrund entsprechend unschärfer wird.
Das ist aber nicht so, aber warum? Warum hebt bei einem Weitwikel die kürzere Ausfahmedistanz nicht die größere Schärfentiefe auf?
Ich stelle mir im fotografischen Alltag häufig die Frage, wieviel lichtstärker mein Weitwinkel eigentlich sein muss, um wieviel Blenden ich das Weitweinkel mehr öffnen muss, um dieselbe Unschärfe des Hintergrundes zu erreichen.
Die Antwort liegt in der Beziehung zwischen Brennweite, Blende und Aufnahmeabstand. Dieser Artikel zeigt dir, wie du das ausgleichen kannst — mit einer einfachen Faustformel:
Halbierst du die Brennweite, dann halbiere auch die Blende
Ein 100mm 1:4 hat dieselbe Unschärfe wie ein 50mm 1:2.
Wenn ich im folgenden von dem Grad oder die Größe der Unschärfe rede, dann meine ich technisch gesehen natürlich immer die Größe der Zerstreuungskreise, die ein Lichtpunkt bei unscharfer Abbildung erzeugt (Bokeh-Bälle). Das sagt nichts über die Qualität des Bokehs aus.
Wovon hängt die Unschärfe ab?
Um die Aussage “Halbierst du die Brennweite, dann halbiere auch die Lichtstärke/Blendenzahl” nachzurechnen, müssen wir die Zerstreuungskreise berechnen, hierfür brauchen wir ein paar Festlegungen:
- die Brennweite ( f ),
- die Blendenzahl
- die Bildgröße B (also wie groß das Motiv im Bild erscheint).
- den Abstand zwischen Motiv und Hintergrund
Die Formel für die Berechnung der Zerstreuungskreise lautet (in vereinfachter Form)
- dem Abstand zum Motiv (die Gegenstandsweite GM)
- dem Abstand des Hintergrunds (die Gegenstandsweite GH)
Grundformel für die Gegenstandsweite
Wir kennen die Brennweite und die Blende
Die Grundformel für die Gegenstandsweite g in Abhängigkeit von Brennweite f und Abbildungsmaßstab m lautet:
Der Fokusabstand ist proportional zur Brennweite. Willst du einen Gegenstand im selben Maßstab abbilden und halbierst du die Brennweite, musst du auch den Aufnahmeabstand halbieren.
Den Abbildungsmaßstab kannst du berechnungen durch
Hier sind B = die größe des Gegenstands auf dem Bild, G, die reale Größe des Gegenstands.
Beispiel: Willst du einen ein 50cm (=500mm) hohen Gegenstand formatfüllend abbilden, so füllt er auf dem 24mm x 36mm Kleinbild die ganze Höhe aus, also 24mm. Der Maßstab ist also
Die Faustformel
Wenn der Bildausschnitt gleich bleibt und der Hintergrund konstant 2 m hinter dem Motiv liegt, dann gilt:
- ( N_1 ): benötigte Blendenzahl beim Weitwinkel
- ( N_2 ): Blendenzahl beim Teleobjektiv
- ( f_1 ): Brennweite des Weitwinkels
- ( f_2 ): Brennweite des Teleobjektivs
Beispielrechnung
Du fotografierst mit:
- 75 mm bei Blende 1.4 → ( f_2 = 75 ), ( N_2 = 1.4 )
Du willst denselben Bildausschnitt mit 35mm erreichen. Dann brauchst du:
→ Das bedeutet: Mit dem 35mm-Objektiv brauchst du f/0.65, um denselben Unschärfeeindruck im Hintergrund zu erzeugen wie mit 75 mm @ f/1.4.
Warum ist das so?
Die physische Öffnung der Blende bestimmt die Größe des Unschärfekreises im Hintergrund. Die Blendenöffnung ergibt sich zu:
Wenn du bei halber Brennweite dieselbe Unschärfe möchtest, musst du ( N ) ebenfalls halbieren, damit ( D ) gleich bleibt.
Illustration
Zwei Bilder nebeneinander zeigen ein Portrait mit 35mm @ f/0.7 und 75mm @ f/1.4, mit gleichem Bildausschnitt und ähnlicher Hintergrundunschärfe.
Fazit
Willst du mit einem Weitwinkel denselben Bokeh-Look wie mit einem Teleobjektiv, brauchst du eine deutlich größere Offenblende. Genau deshalb existieren hochlichtstarke Weitwinkel wie f/0.95 oder sogar f/0.7.
Halbiere die Brennweite → Halbiere die Lichtstärke.
Diese einfache Regel hilft dir, deinen Look bewusst zu gestalten — und die richtige Optik für dein nächstes Portrait zu wählen.
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